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Dietenbach bindet Personal

Nach dem BZ-Bericht „Wie ein Pferdestall in der Wiehre zu einer der ersten Tankstellen Freiburgs wurde“ vom 9.1.2023 musste mit großer Verwunderung bereits zur Kenntnis genommen werden, dass das denkmalgeschützte Anwesen Schwarzwaldstraße 69 im Unterhalt vernachlässigt wird und seit längerer Zeit leersteht. Freiburg Lebenswert hat daraufhin bei der Stadt eine Anfrage nach den Gründen für diese Vernachlässigung gestellt. In der uns nun vorliegenden Antwort wurde mitgeteilt, dass bereits 2017 ein Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan für eine Reaktivierung des denkmalgeschützten Gebäudes gefasst worden sei. Dieser sehe auch die Nutzung des Gebäudes zu Wohnzwecken vor. Das Verfahren sei jedoch aufgrund anderer Prioritäten innerhalb der Bauverwaltung nicht weiterverfolgt worden.

Worin genau diese anderen Prioritäten liegen, wurde uns nicht mitgeteilt. Eine Antwort dürfte allerdings nicht schwer zu erraten sein, wenn man bedenkt, dass laut Haushaltsplan 2023/2024 im Baudezernat zwei neue Stellen für das Projekt Dietenbach geschaffen werden – bei bereits sieben bestehenden Stellen. Dabei sind nicht berücksichtigt die Stellen in anderen Dezernaten, die ebenfalls für Dietenbach tätig sind.

Freiburg Lebenswert hat sich stets aus ökologischen Gründen gegen den neuen Stadtteil Dietenbach ausgesprochen. Die nun explosionsartig gestiegenen Kosten bieten einen weiteren Grund für eine ablehnende Haltung. Dass dieses Projekt nun auch noch übermäßig Personal bindet, gibt weiteren Anlass, dieses Projekt kritisch zu sehen.

Die Beseitigung des Leerstands ist eine wichtige Maßnahme zur Wohnraumbeschaffung. Eine Sanierung des Anwesens Schwarzwaldstraße 69 könnte hier einen Beitrag leisten. Dem Denkmalschutz, der nach dem Koalitionsvertrag 2021 der grün-schwarzen Landesregierung gefördert werden soll, käme eine Sanierung ebenfalls zugute. Ungeachtet dessen ist die Berücksichtigung des Denkmalschutzes gesetzlich verpflichtend, Eigentümer von Kulturdenkmalen haben diese baulich zu erhalten. Leider genießt die Denkmalpflege nicht bei allen Privateigentümern ein allzu hohes Ansehen. Daher sollte man von der Stadt erwarten, dass sie mit gutem Beispiel vorangeht. Dazu müssen allerdings die Prioritäten verschoben werden – auch beim Personaleinsatz.




Rede zum EMD-Kauf

Zum EMD-Kauf (Drucksache G-23/024 und G-23/025) hat Stadtrat Dr. Wolf-Dieter Winkler (FL) am 31. Januar 2023 im Freiburger Gemeinderat folgende Rede gehalten:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
meine sehr geehrte Damen und Herren
!

Dietenbach sollte in erster Linie bezahlbaren Wohnraum für Freiburger Familien generieren. Mit dieser Zusage wurde beim Bürgerentscheid 2019 massiv geworben. Und was ist davon geblieben, vier Jahre später?

Entlarvend ist, was auf S. 7 der Drucksache G-23/025 steht. Da sind für Vermarktung und Öffentlichkeitsarbeit wie Werbung, Broschüren, Faltblätter, Homepage usw. sage und schreibe 9,73 Mio. € vorgesehen. Werbung für einen Stadtteil, der zur Wohnraumversorgung Freiburger Familien gebaut wird, die angeblich Schlange stehen? Frecher kann man nicht offenlegen, dass sich in Dietenbach nahezu ausschließlich Menschen von außerhalb Freiburgs ansiedeln sollen. Diese Intention habe ich schon im Juli 2018 angeprangert. Nach dem Schulentwicklungsbericht 2018, Zitat, „nimmt die Bevölkerungszahl fortwährend zu und erhält Mitte der 2020er Jahre noch einmal einen Schub aufgrund des neuen Stadtteils Dietenbach.“ Zitatende. Wir bauen und deshalb kommen Menschen und nicht umgekehrt. Für die Freiburger, die Wohnraum suchen, würde genügend Wohnraum geschaffen werden können im Güterbahnhof Nord, in Zähringen Nord, in Kleineschholz, in den vielen Verdichtungsgebieten. Wohnungen auf der „grünen Wiese“ werden für Freiburger Wohnungssuchende nicht gebraucht!

Im Dezember 2020 hatte ich im Zusammenhang mit dem Einfluss von Dietenbach auf den Freiburger Mietspiegel angemerkt, dass die 50 % frei finanzierten Wohnungen mit ihren hohen Mietpreisen den Mietspiegel für die Mietwohnungen in ganz Freiburg anheben werden. Denn nur diese teuren Wohnungen gehen in den Mietspiegel ein. Das Nachsehen hätten alle Freiburger Mieter, die nicht in geförderten Wohnungen wohnen. Sie würden die Zeche für Dietenbach zahlen müssen. Inzwischen sollen im 1. Bauabschnitt sogar alle Wohnungen verkauft werden, also nicht nur 50 % frei finanziert werden, sondern 100 %. Damit kommen doppelt so viele teure Wohnungen auf den Markt, als von mir damals angenommen. Der Mietspiegel wird also noch höher ausfallen.

Mit dem Verkauf der Grundstücke im 1. Bauabschnitt sind also als Zielpersonen in erster Linie Menschen mit großem Geldbeutel angesprochen. Glauben Sie allen Ernstes, potentielle Interessenten mit viel Geld wollen 15 Jahre auf einer riesigen Baustelle wohnen, bei weitgehend fehlender Infrastruktur? Weit ab vom Schuss zur Kernstadt, da man diesen 1. Abschnitt ja in unmittelbarer Nähe zum Frohnholz erstellen will? In Hör- und Sichtweite zweier vierspuriger Straßen, mühsam kaschiert von hohen Lärmschutzwällen, die den Bewohner das Gefühl eines Ghettos vermitteln müssen. Gehen Sie ins Internet, da werden ständig hunderte teurer Häuser und Wohnungen in bester Freiburger Lage angeboten. Wenn man also Geld und die Wahl hat zwischen Freiburger Super-Lage und Dietenbach, für was werden sich die Interessenten wohl entscheiden?

Bisher war ich in erster Linie gegen Dietenbach, weil es mit seiner gigantischen grauen Energie, durch die Vernichtung landwirtschaftlicher Flächen, durch Versiegelung usw. die ökologische und klimatische Bilanz Freiburgs massiv verschlechtern wird. Inzwischen sind FL und ich auch dagegen wegen der unverantwortlichen zusätzlichen Verschuldung Freiburgs und des hohen städtischen Risikos auf einer großen Baubrache sitzen zu bleiben, auf der niemand bauen und in die niemand hinziehen will. Wenn das Baugebiet in die Hose geht – und die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß -, möchte ich für meinen Teil nicht in der Haut eines Befürworters stecken! Ich jedenfalls, liebe Traumtänzerinnen und Traumtänzer, werde die beiden Vorlagen ablehnen.




Dietenbach wird mehr als eine Milliarde kosten

Nach einer aktualisierten Kosten- und Finanzierungsübersicht, die am 31.1.2023 auf der Tagesordnung des Gemeinderats stehen wird, soll der Gemeinderat eine Verdoppelung der Projektkosten schlucken und absegnen.

Wurden die Kosten beim Bürgerentscheid 2019 noch mit 602 Millionen Euro angesetzt, summieren sich die Ausgaben nun auf sagenhafte 1,247 Milliarden Euro. Das Fazit in der Berichterstattung der Badischen Zeitung vom 20.1.2023 lautet: Bezahlbarer Wohnraum, also das ursprüngliche Hauptargument für den Bau, wird nicht realisierbar sein.

Junge Familien mit Kindern, die auf günstiges Wohnen angewiesen sind, waren damals die wichtigste Zielgruppe. Sie müssen sich übel getäuscht fühlen. Die Verantwortlichen des Dietenbach-Projekts haben ihre Kostenkalkulation viel zu niedrig angesetzt. Zwar konnte man den Ukraine-Krieg und die Corona-Pandemie nicht voraussehen, doch die Klimakrise und knappe Ressourcen waren schon 2019 jedem bekannt. Wie bei anderen Großprojekten wurden wohl auch in Dietenbach die Kosten viel zu niedrig geschätzt, um den Bürgern das Projekt schmackhaft zu machen.

Freiburg Lebenswert hat sich von Anfang an gegen dieses Projekt ausgesprochen und hat nicht nur wegen der hohen Kosten, sondern auch wegen der ökologischen Auswirkungen vor dem Stadtteil gewarnt. Der Stadtteil wird nicht „klimaneutral“ sein, wie die Stadt und einige Parteien schwadronieren und er wird auch keinen bezahlbaren Wohnraum liefern, sondern Besserverdiener ansprechen. Das war die Ansicht von FL, die nun auch mit neuen Zahlen bestätigt ist.

Heute ist klar, dass die zwei zentralen Versprechungen, derentwegen die Bürgerinnen und Bürger Freiburgs 2019 mehrheitlich für einen neuen Stadtteil gestimmt hatten, nämlich Klimaneutralität und bezahlbarer Wohnraum, niemals erfüllt werden. Der Rechtsweg erlaubt nach vier Jahren, auf der Grundlage neuer, erst jetzt bekannt gewordener Fakten, erneut über den Neubau abzustimmen. 

Den politischen Irrtum zu erkennen und dem eingeschlagenen Weg noch rechtzeitig zu verlassen, ist jetzt das Gebot der Stunde. Denn eines ist für uns klar: Das war nicht die letzte Preissteigerung, die Dietenbach erfahren würde.

Siehe auch: Kommentar in der BZ zum Thema




Sparkasse steigt wahrscheinlich aus dem Projekt Dietenbach aus

Finanzierung des neuen Stadtteils Dietenbach ist der Sparkasse zu riskant

Angesichts explodierender Baupreise und steigender Zinsen wird der Sparkasse das Dietenbach-Geschäft nun zu riskant. Sie erwägt daher den Ausstieg. Die Verhandlungen zwischen Stadt und Sparkasse scheiterten an der Frage, wie viel die Sparkasse an die Stadt als Ausgleich für die Wertsteigerung der Grundstücke in Dietenbach, hochgerechnet auf 20 Jahre, bezahlen sollte. Die Stadt prüft nun, die Sparkassen-Tochter „Entwicklungsmaßnahme Dietenbach GmbH“ (EMD), über die das Geschäft zwischen Stadt und Sparkasse abgewickelt werden soll, aufzukaufen. 40 % der Fläche in Dietenbach gehören bereits der Stadt, die EMD hätte 60 % der Flächen erwerben sollen.

Freiburg Lebenswert zeigt insgesamt Verständnis für das Vorgehen der Sparkasse. Verwunderlich ist allenfalls, dass die Sparkasse bei einem solch unsicheren Projekt mit so vielen Unwägbarkeiten bei Dietenbach überhaupt eingestiegen ist. Dass die Stadt nun ein Projekt von der doppelten Größe des Riesenfelds finanziell alleine stemmen möchte, erscheint vermessen. Unter keinen Umständen sollte der städtische Haushalt für den Bau von Wohnungen herhalten. Angesichts zahlloser preistreibender Faktoren wie Materialknappheit, allgemein gestiegener Baukosten, Zinsanstieg und die derzeitige Energiekrise, ist eine völlig unkalkulierbare Kostensteigerung zu erwarten, was sich unweigerlich auf Kosten wichtiger Projekte und schließlich auch auf Kosten der Bürger auswirken wird.

Ein Ausstieg der Sparkasse sollte daher zum Anlass genommen werden, das Projekt Dietenbach insgesamt zu beenden. Eine Fortführung ist nicht nur angesichts der exorbitanten Kosten, sondern auch angesichts diverser Krisen wie Energieknappheit oder Klimawandel unverantwortlich. Freiburg Lebenswert hat immer wieder auf die klimaschädliche Wirkung des Bauens allgemein hingewiesen. So ist es unverantwortlich, eine solch große Fläche wie Dietenbach zu versiegeln und diese der Landwirtschaft zu entziehen. Durch den Ukrainekrieg kommt nun auch noch eine weltweite Lebensmittelknappheit hinzu. Wir leben in vieler Hinsicht schon auf Kosten ärmerer Staaten, wo Konzerne Landflächen aufkaufen, die dann für unsere Bedürfnisse den dort lebenden Menschen entzogen werden. Nur deswegen können wir es uns überhaupt erlauben, so großzügig landwirtschaftliche Flächen zu bebauen.

Die Tatsache, dass Dietenbach im Überschwemmungsgebiet entstehen soll, setzt der ohnehin schon hohen Umweltproblematik die Krone auf. In Dietenbach wird bei Realisierung so manches entstehen, „bezahlbarer Wohnraum“ und ein „klimaneutraler Stadtteil“ allerdings werden als leere Versprechungen zurückbleiben. Die Stadt sollte zurückfinden zu einer maßvollen Baupolitik und einer Klimapolitik, die den Namen verdient. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Wertvolle landwirtschaftliche Fläche soll für Dietenbach geopfert werden (Foto: K. U. Müller).



Im Spätsommer fallen reife Früchte, im Herbst die Blätter…

…und im Februar fallen in Freiburg die Bäume.

Der letzte Rest der stattlichen Rotbuche. Gedenklichter wurden aufgestellt (Foto: K. U. Müller).

Es war keine gute Woche für die Natur in der Green City. Nach dem abgelehnten Eilantrag des VGH Mannheim, Baumfällungen in der Dietenbach-Aue zu verhindern, war die Freude bei der Stadtverwaltung und der Mehrheit im Gemeinderat groß. Die Entscheidung in der Hauptsache steht zwar noch aus, für den artenreichen Wald kommt der VGH-Beschluss jedoch für immer zu spät. Gefällt wurde auch die stattliche Rotbuche in der Sonnenstraße, nur um einen völlig unnötigen Tiefgaragenbau zu ermöglichen. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, wurden an der Eschholzstraße sechs alte Nussbäume gefällt. Diese mussten tatsächlich Parkplätzen weichen!

Alles kein Problem, den Nussbäumen wäre laut einem Baumgutachten ohnehin nur eine „relativ kurze Reststandzeit“ beschieden gewesen und außerdem sollen ja Mitte des Jahres 13 neue Bäume „vor Ort“ gepflanzt werden. Auch für die Rotbuche in der Sonnenstraße werden neue Bäume gepflanzt, somit alles im „grünen“ Bereich.

Eben nicht. Es ist eben nicht egal, wo die Bäume stehen. Ersatzpflanzungen außerhalb bringen dem Stadtklima nichts. Alte Bäume sind ohnehin für die Artenvielfalt unersetzlich. Außerdem sind sie bereits tief verwurzelt und nehmen damit auch an heißen Tagen gut Wasser auf. In den Folgejahren wird es bei fortschreitendem Klimawandel immer schwieriger werden, junge Bäume ausreichend zu bewässern und überhaupt zum Anwachsen zu bringen. Green City damit mitten im grauen Bereich.

Sämtliche alte Nussbäume wurden an der Eschholzstraße gefällt. Dort sollen Parkplätze entstehen (Foto: K. U. Müller).

Freiburg Lebenswert sieht die jüngste Entwicklung mit großer Sorge. Auch der Gegenwind, der in den letzten Tagen den Bau-Skeptikern, vor allem den Dietenbach-Gegnern seitens der Stadt, der Mehrheit im Gemeinderat und auch seitens der lokalen Presse (s. u.) entgegenschlug, ist besorgniserregend. Offenbar scheint die Meinung vorzuherrschen, die Schaffung von Wohnraum (mit allen Mitteln) würde sich nicht auf den Klimawandel und das Artensterben auswirken.

Wenigstens ist nach § 39 Abs. 5 BNatSchG die Fällung von Bäumen in der Zeit vom 1. März bis zum 30. September aus Gründen des Vogelschutzes grundsätzlich nicht erlaubt. Die Flut an Fällungen wird ab März also etwas abflauen. Dürfen wir uns auf den Oktober „freuen“?

Siehe auch die Kommentare in der BZ zu Dietenbach vom 23.2.2022:

Der Dietenbach-Bürgerentscheid 2019 war eindeutig – doch es gibt immer noch Gegner.

Die Argumente der Dietenbach-Gegner sind nicht überzeugender geworden.

Dietenbach-Wald im Februar 2022 (Foto: K. U. Müller).



Rede zu Abwendungsvereinbarung Dietenbach

Nach der Aussage von Baubürgermeister Haag bei der Vorlage zu den Abwendungsvereinbarungen von Dietenbach (Drucksache G-22/001), man sei in Freiburg „freudig erregt“, dass es mit dem Neubaustadtteil jetzt in die Umsetzungsphase gehe, hat Stadtrat Dr. Wolf-Dieter Winkler (FL) spontan folgende Rede gehalten:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
meine sehr geehrte Damen und Herren
!

Ich bin keinesfalls „freudig erregt“ beim Gedanken an diesen Stadtteil Dietenbach, Herr Baubürgermeister, und das gilt sicher auch für die 40 % der Freiburger, die damals gegen den neuen Stadtteil gestimmt haben. Einen neuen Stadtteil mit hohem Verbrauch an grauer Energie und hohem Versiegelungspotential zu bauen, angesichts des Klimawandels und Artensterbens, halten inzwischen viele Menschen für falsch. Sie sind eben nicht der Meinung, dass der Mensch das Recht hat, seine Bedürfnisse über die Bedürfnisse aller anderen Lebewesen, Pflanzen und Tiere, auf diesem Planeten und zu Lasten des Klimas zu stellen. Ich fürchte, dass dieses egoistische Denken der Menschheit uns allen irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft auf die Füße fallen wird. Es wird dann ein Umdenken geben zu einem Zeitpunkt, wenn eine Umkehr nicht mehr möglich sein wird, da die Kipppunkte des Klimawandels überschritten sein werden.

Storch auf dem Dietenbach-Gelände (Foto: K. U. Müller).



Rede zum Energiekonzept Dietenbach

Zum Energiekonzept Dietenbach (Drucksache G-21/199) hat Stadtrat Dr. Wolf-Dieter Winkler (FL) am 30. November 2021 im Freiburger Gemeinderat folgende Rede gehalten:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
meine sehr geehrte Damen und Herren
!

Die Begründung meines Antrags, die Wärmekonzession ergebnisoffen auszuschreiben, liegt Ihnen schriftlich vor. Daher will ich die Begründung hier nicht nochmals mündlich vorbringen. Und meine ablehnende Meinung zu dem städtischen Energiekonzept kennen Sie alle. Ich will daher zu Grundsätzlichem Stellung nehmen.

Der Gemeinderat ist die politische Vertretung der Bürgerschaft. Im obliegt die kommunalpolitische Führung in der Gemeinde. Er trifft die Entscheidungen. Und er kontrolliert die Gemeindeverwaltung und überwacht den Vollzug seiner Beschlüsse.

Wie kann es also sein, dass der Projektleiter von Dietenbach bereitwillig verkündet, dass sich die Verwaltung bereits im April 2021 darauf verständigt hat, dass einzig die Variante V4 mit Energiezentrale, warmen Nahwärmenetz und Wasserstoffelektrolyse dem Gemeinderat zur Entscheidung vorgelegt werden soll? Zu diesem Zeitpunkt waren die verschiedenen möglichen Varianten der Energieversorgung von Dietenbach in keinem gemeinderätlichen Ausschuss vorberaten worden.

Warum kam das Energiekonzept V1, wohlgemerkt der Siegerentwurf des städtebaulichen Wettbewerbs, nicht zum Zuge? Es arbeitet ebenfalls mit einem zentralen kalten Nahwärmenetz mit Regeneration durch Abwasserwärme und dezentralen Wärmepumpen zur Wärmeerzeugung. Da bei ihm die Grundwassernutzung entfällt, wird der Rest der Wärme durch dezentrale kalte Nahwärmenetze mit Regeneration durch PVT (thermisch-photovoltaische Module) und Eisspeicher erzeugt.

Und es ist bemerkenswert, dass die Varianten 1 bis 3 in der Vorlage für den 27. Juli 2021 nur stichwortartig auf einer Seite dargestellt sind. Und selbst das von der Verwaltung auserwählte V4-Energiekonzept wurde nur rudimentär behandelt. Mit diesen Darbietungen konnten nicht einmal externe Fachleute etwas anfangen. Wie also sollten es die ehrenamtlich arbeitenden Stadträte beurteilen können?

Es macht obendrein stutzig, dass das Energiekonzept im Umwelt-, Haupt- und Bauausschuss und die abschließende Abstimmung im Gemeinderat in gerade mal 12 Tagen vom 15. bis 27. Juli 2021 durchgepeitscht wurde.

Und wieso wurde bereits am 30. Oktober 2021 die Energieversorgung von Dietenbach europaweit ausgeschrieben, obwohl wir als Gemeinderat erst heute, am 30. November 2021, diese Ausschreibung beschließen sollen? Es bestand nie Eile, vor einem halben Jahr nicht und jetzt auch nicht.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, bevor der Gemeinderat überhaupt von der Existenz der Varianten Kenntnis hatte, hat die Verwaltung mal einfach die Entscheidungskompetenz des Gemeinderates auf sich übertragen und dem Gemeinderat die Funktion des reinen Abnickens zugedacht. Sie hat sich für die Variante V4 entschieden, nicht der Gemeinderat. Und sie hat die Ausschreibung in die Wege geleitet ohne die heutige Abstimmung des Gemeinderates abzuwarten. Und in dieser ganzen Zeit wurde der Gemeinderat mit dem Hinweis der Eiligkeit unter Druck gesetzt. Diese ganzen Vorgänge um das Energiekonzept Dietenbach herum sind gegenüber dem Gemeinderat ein Affront sondergleichen! Da muss man sich doch fragen, ob dieser ungeheuerliche Vorgang nicht ein Fall für die Rechtsaufsicht ist.




Hände weg vom Dietenbachwald!

Man weiß nicht, worüber man sich mehr empören soll. Ist es die Trotzigkeit, wonach die Stadt keinen Änderungsbedarf sieht, obwohl die Hochwasserkatastrophe 2021 deutlich vor Augen geführt hat, dass in Überschwemmungsgebieten nicht gebaut werden sollte? Oder sind es die Grünwasch-Argumente, mit denen die Stadt den neuen Stadtteil Dietenbach als grandiosen Beitrag zum Klimaschutz anpreist? So soll Dietenbach zu weniger Pendlerverkehr führen und den Flächenverbrauch im Umland eindämmen. Oder ist es die Dreistigkeit, welche die Stadt beim Dietenbachwald an den Tag legt? So hieß es vor dem Bürgerentscheid noch, für Dietenbach müsse kein Baum gefällt werden. Frei nach dem Motto „was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“, sollen nun jedoch rund 4 ha Wald für den Bau des neuen Stadtteils geopfert werden. Dies jedoch nicht nur für die Fortführung der Stadtbahntrasse, sondern auch für zusätzliche Wohnbebauung und Sportflächen. Selbst für die Trasse gibt es eine Alternativplanung von der Paduaallee aus, wie Ralph Schmidt vom NABU bei einem seiner immer sonntags um 14:00 Uhr stattfindenden Informationsspaziergängen zum Dietenbachwald ausführte.

2. Vorsitzender FL Prof. Dr. med. Michael Wirsching (vorne links) und FL-Stadtrat Dr. Wolf-Dieter Winkler (2. v. l.) bei der Demonstration am 10.10.2021. Die Anwesenheit on FL wurde mehrfach gewürdigt (Foto: K. Langosch).

Am Sonntag, den 10.10.2021 protestierten rund 300 Menschen gegen die geplanten Baumfällungen im Dietenbachwald. Zu der Demonstration hatte der BIV Rieselfeld zusammen mit anderen Organisationen wie dem NABU, BUND oder Parents for Future aufgerufen. Die Demonstranten warfen der Stadt vor, das Thema Klimaschutz zu ignorieren. Die Klimakrise mache einen grundlegenden Wandel des Denkens notwendig, so eine Vertreterin von Parents for Future. Zudem habe die Stadt 2019 ein Arten- und Klimaschutzkonzept beschlossen und müsse sich auch daran halten. Auch wurde seitens des NABU darauf hingewiesen, dass der Dietenbachwald höhlenreich und voller Totholz sei und damit Platz für Artenvielfalt biete. Schwerlich könne man auch von anderen Walderhalt fordern, wenn man nicht fähig sei, den eigenen Wald zu erhalten.

Einige Mitglieder von Freiburg Lebenswert nahmen an der Demonstration teil, so auch FL-Stadtrat Dr. Wolf-Dieter Winkler, was mehrfach gewürdigt wurde. Freiburg Lebenswert hat sich als einzige Gruppierung im Gemeinderat gegen den neuen Stadtteil ausgesprochen und ist nun auch die einzige im Gemeinderat vertretene Gruppierung, die sich gegen die Abholzung des Waldes einsetzt.

Kritisiert wurde bei der Demonstration auch die „Diskrepanz zwischen den hohen Ansprüchen, Green City zu sein und dem Umgang mit berechtigten Einwänden“. So sieht die Stadt keinerlei Notwendigkeit eines Umdenkens. Wozu auch, schließlich werde sparsam mit Grund und Boden umgegangen, wobei die klimatische Situation nicht verschlechtert werde. Und zudem würde doch der Verzicht auf Dietenbach im Umland ein Vielfaches an Flächenverbrauch und Pendelverkehr auslösen, so die Stadtverwaltung. Diese Grünwasch-Argumente machen einfach nur sprachlos. Tatsächlich wird der innerstädtische Verkehr mit 16.000 Neubürgern drastisch zunehmen, einige Naherholungsgebiete wie z. B. der angrenzende Mundenhof sind jetzt schon stark überlastet. Selbst wenn man großzügigerweise annimmt, dass durch Dietenbach unter dem Strich ein paar Pendelkilometer gespart werden, dürfte klar auf der Hand liegen, dass mit solchen Maßnahmen der Kampf gegen den Klimawandel nicht gewonnen werden kann.

Viel wurde in den letzten Jahren im Umland gebaut. Hier: Neubaugebiet in March (Foto: K. U. Müller).

Und was den Flächenverbrauch anbelangt, stellt sich die Frage, wo der ganze Aushub zur Aufschüttung auf dem Überschwemmungsgebiet herkommen soll, wenn nicht durch Bautätigkeiten aus dem Umland. Auch dort wurde den letzten Jahren enorm viel gebaut, z. B. in Niederrimsingen, March,  Kirchzarten oder Ebringen. Und ein Ende des Baubooms ist keineswegs absehbar. Dabei sei die Frage erlaubt: Warum wurde dann nicht von Freiburg ein Zeichen gegen den Flächenverbrauch gesetzt und auf die Bebauung Hinter den Gärten in Tiengen, der Eingemeindung im Umland, verzichtet?

Neubaugebiet in Ebringen: Viel Flächenversiegelung, wenig Grün, in schönster Weinberglandschaft (Foto: K. U. Müller).

Siehe auch: https://www.badische-zeitung.de/demo-gegen-baumfaellungen-haende-weg-vom-dietenbachwald–205490998.html

Auch hat Freiburg Lebenswert bereits mehrfach zum Thema berichtet.




Rede zum Energiekonzept Dietenbach

Zum Energiekonzept Dietenbach (Drucksache G-21/093) hat Stadtrat Dr. Wolf-Dieter Winkler (FL) am 27. Juli 2021 im Freiburger Gemeinderat folgende Rede gehalten:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren!

Geplant ist für den neuen Stadtteil Dietenbach ein heißes Nahwärmenetz, gespeist von einer Energiezentrale. Ein solches Konzept ist meines Erachtens aus zwei wesentlichen Gründen nicht zukunftsfähig. Zum Einen können mit einem heißen Nahwärmenetz die Gebäude im Sommer nicht gekühlt werden, was bei den zu erwartenden steigenden Temperaturen im Sommer durchaus bedenkenswert wäre. Zum Zweiten bringt eine Energiezentrale die künftigen Bewohner Dietenbachs in eine finanzielle und energetische Abhängigkeit vom Wärmelieferanten, der die Zentrale betreibt. Beides spricht für ein modular aufgebautes kaltes Nahwärmenetz, das Schritt für Schritt mit den Bauabschnitten erweitert und an die jeweils wachsenden Bedarfe angepasst werden kann. Begünstigt würde ein kaltes Wärmenetz noch zusätzlich, wenn man die Wärmebedarfe der Häuser durch das Vorschreiben besserer Energieeffizienzhaus-Standards als EFH 55 noch weiter senken würde.

Aus diesem Grund halte ich es für zwingend notwendig, dass die jetzt vorgesehene Variante 4 nochmals von mindestens einem, besser zwei weiteren Ingenieurbüros kritisch überprüft wird. Da diese nur bereits vorhandene Daten nochmals unabhängig neu bewerten müssten, wäre die Zeitverzögerung nicht allzu groß. Aber mir wäre wesentlich wohler, wenn wir unsere Entscheidung für ein so umfassendes Bauvorhaben eines ganzen Stadtteils nicht nur auf den Empfehlungen eines einzelnen Ingenieurbüros gründen würden. Ich beantrage daher die Absetzung dieses Tagesordnungspunktes.




Klimaneutralität nicht ohne Schutz des Überschwemmungsgebiets Dietenbach

Schreckliche Nachrichten erreichten uns aus  Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Tief Bernd brachte Starkregenfälle mit verheerenden Folgen: Mehr als 150 Tote, verwüstete Dörfer, Menschen, die ihr gesamtes  Hab und Gut verloren haben. Seit dieser verheerenden Flutkatastrophe im Juli 2021 ist jedoch bei der öffentlichen Debatte zum Thema Klimawandel, Klimaschutz und Erderwärmung ein deutlicher Wandel spürbar. Das ist kaum verwunderlich, denn der Klimawandel  lässt sich im Zusammenhang mit solchen Naturkatastrophen schlichtweg nicht ignorieren. In weiten Teilen der Politik sucht man zwar noch nach Schuldigen und man will  die Effizienz des Katastrophenschutzes verbessern, was zwar für sich genommen kein Fehler ist, aber in der heutigen globalen Klimalage  die Katastrophe selbst nicht verhindert hätte. Allerdings  mehren sich die Stimmen, die ein grundsätzliches Umdenken in unserer noch immer vom Wachstumsmythos geprägten Gesellschaft und Wirtschaft verlangen. Und kaum ein Experte, welcher derzeit nicht auf die zügellose Flächenversiegelung hinweist.

Zügellose Flächenversiegelung muss der Vergangenheit angehören (Foto: K. U. Müller).

So hat auch der Chefredakteur der Badischen Zeitung in einem Leitartikel am 20.07.2021 daran erinnert, dass mit dem Klimawandel das Risiko solcher Katastrophen wächst und er nennt „keine Bauten mehr in gefährdeten Zonen, weniger versiegelte Flächen“ als „zwei von vielen Streitfragen“ (ebenda).

Freiburg Lebenswert begrüßt diesen Wandel, weil echter und wirksamer Naturschutz schon immer ein zentrales  Ziel im politischen Programm war und FL als einzige Gruppierung im Gemeinderat das Bestreben vieler Freiburger Bürger unterstützt hat, das  Überschwemmungsgebiet Dietenbach von Bauten freizuhalten. FL stützt sich bei dieser Haltung auf die Expertise von prominenten Fachleuten wie dem Freiburger Hochwasserschutz-Experten Rolf Baiker (siehe BZ-Berichte, u. a. am 19.02.2019). Baiker fasst die Quintessenz seiner  wissenschaftlichen  Recherchen in die Formel: „Die Aue gehört dem Fluss“.

Freiburg Lebenswert richtet den dringenden Appell an alle Freiburger und insbesondere an die Entscheidungsträger der Freiburger Kommunalpolitik, das Dietenbach-Projekt vor dem Hintergrund der aktuellen Erkenntnisse erneut kritisch zu beleuchten und zugunsten der Sicherheit der Bevölkerung und ihrer Enkelgenerationen  zu begraben.

Hochwasser nach starkem Regen im Überschwemmungsgebiet Dietenbach, der einzigen Flussaue als Wasserabfluss-Schneise mit dem gesamten Einzugsgebiet Schauinsland.

Siehe auch: https://freiburg-lebenswert.de/ueberschwemmungsgebiet-dietenbachgelaende/