Auf die Zukunft bauen – Planen, Sanieren, Wohnen im 21. Jh.

Der bekannte Autor und ehem. Fernseh-Journalist Dr. Franz Alt, der bereits am 12. Februar zu einem Vortrag in Freiburg war, wird am kommenden Dienstag, den 19. Februar um 19.30 Uhr ins Bürgerhaus Zähringen (Lameystr. 2) auf Einladung der “Bürgeraktion Rettet Dietenbach” zu einem weiteren Vortrag mit anschließender Diskussion nach Freiburg kommen. Der Eintritt beträgt diesmal 5,- Euro, alternativ kann auch eine Spende geleistet werden.

Vorstellen muss man den Referenten wohl nicht: In 22
Sprachen sind seine Bücher übersetzt und erreichen so ein Millionenpublikum. Kaum
ein Experte hat sich im Laufe der Jahrzehnte eine solche Sachautorität erworben
wie er. Er ist in gewisser Weise zu einer “energ”ethischen Instanz
geworden. Am Beispiel der neuen Stadtteilplanung wird er am 19. Februar sein
Nachdenken über das Wachstum, unsere Erde, den Boden und das Klima vortragen.

Schon oft hat Franz Alt für eine andere Baupolitik und
eine Vision für schöpfungsgerechtes und kostengünstiges Bauen plädiert. Schon
in 20 Jahren wird, so argumentiert er, der Abriss eines herkömmlich gebauten
Hauses teurer sein als der Bau dieses Hauses. Wir müssen und werden völlig
anders bauen und wohnen lernen, meint auch der ehemalige Bundesbauminister
Klaus Töpfer. Dies, so die Voraussage, wird die Herausforderung der Zukunft
sein für Planer, Architekten, Bauherren, Ingenieure, Handwerker und Politiker.
Franz Alt zeigt auf, dass eine neue ökologische Wachsamkeit beim Bauen und
Sanieren im Einklang mit der ästhetischen Wahrnehmung und dem seelischen
Empfinden des Menschen stehen kann.

Eines der Themen, mit denen er sich vor allem in
jüngster Zeit beschäftigt hat, ist das Thema “Auf die Zukunft bauen –
Planen, sanieren, wohnen im 21. Jahrhundert”. Dabei stellt er neue
Leitbilder für das Bauen und Sanieren in der Zukunft vor und zeigt die
Vielfalt, aber auch die Kontroversen des ökologischen Bauens. Er präzisiert die
Kriterien für eine zukunftsfähige Baupolitik und macht deutlich, dass
ökologisches Bauen in vielen Fällen nicht bauen, sondern sanieren heißt. Mit
Hilfe einer Spezialkamera offenbart er, wie unglaublich energieverschwenderisch
bisher das Bauen war und belegt, dass umweltfreundliches Bauen mehrere hunderttausend
neue Arbeitsplätze schaffen kann.

Siehe auch: https://rettet-dietenbach.de/?page_id=2515

Und: http://www.sonnenseite.com/de/

Der bekannte Autor, Referent und ehem. Fernseh-Journalist Franz Alt ist zu einer “energ”ethischen Instanz geworden. (Foto: Bigi Alt)




Naturschutzbeauftragte sehen „deutliche Schieflage“

Zwei langjährige ehrenamtliche, vom Gemeinderat
bestellte Naturschutzbeauftragten der Stadt Freiburg, haben sich zu Wort
gemeldet und ihre sonst geübte Zurückhaltung aufgegeben, weil sie bezüglich
Dietenbach eine „deutlichen Schieflage“ und „Seilschaften“ in der Stadt
beobachtet haben. Es ist sogar von „Gleichschaltung bei Wortmeldungen,
Berichterstattung, Wahlkampf“ und von einem „erheblichen Ungleichgewicht (…) bei
der Interessen- und Meinungsvertretung von Pro und Contra der
Dietenbach-Bebauung“ die Rede.

So deutlich und offen hat das bisher noch niemand öffentlich zum Ausdruck gebracht. Wir möchten deshalb hier den gesamten Brief der beiden Naturschutzbeauftragten veröffentlichen:

„Abweichend
von unserer (gewünschten und gebotenen) Zurückhaltung bei öffentlichen
Wortmeldungen als Naturschutzbeauftragte, haben wir uns dazu entschlossen, zum
Bürgerentscheid Dietenbach einen Leserbrief an die Badische Zeitung zu
schreiben, den diese bisher (natürlich?) nicht veröffentlicht hat.

Anlass dazu
gibt unser Eindruck einer deutlichen „Schieflage“, a) fast Gleichschaltung bei
Wortmeldungen, Berichterstattung, Wahlkampf etc. sowie b) erhebliches
Ungleichgewicht bei den Kapazitäten, finanziell, personell und organisatorisch,
bei der Interessen- und Meinungsvertretung von Pro und Contra der
Dietenbach-Bebauung. Bemerkenswert ist dabei auch, wer sich nun alles zu
solchen Themen äußert und in welchen einzigartigen „Seilschaften“.

Allerdings
konnten wir in den letzten Tagen auch zunehmend feststellen, dass wir bei
weitem nicht so alleine da stehen, wie uns 43 Stadträte und eine überwältigende
Mehrheit von Plakaten (Propaganda) gerne glauben machen würden.

Schließlich
geschieht zurzeit genau das, wovon wir wegkommen müssen, nämlich dass Sozial,
Ökonomisch und Ökologisch gegeneinander ausgespielt werden, insbesondere
Ersteres gegen Letzteres. Die Einschränkung des Flächenverbrauchs wird zur
sozialen Frage gemacht, ja zur grundsätzlichen Zukunftsfrage für die Stadt
Freiburg. Sind diejenigen, die Bedenken gegen diese Art der Bebauung haben,
tatsächlich asozial, familienfeindlich, für unbezahlbare Wohnungen, gegen
Nachhaltigkeit und gegen Inklusion, wie (im Umkehrschluss) propagiert und
suggeriert wird?“

gez. Thomas Ludemann

„Am 30.1.2019
bei der Badischen Zeitung eingereichter Leserbrief von zwei
Naturschutzbeauftragten der Stadt Freiburg. Bezug des Leserbriefes: Diverse
Beiträge zum Bürgerentscheid Dietenbach der letzten Zeit, dazu der folgende
Leserbrief mit Gesichtspunkten von zwei langjährigen, ehrenamtlichen, vom
Gemeinderat bestellten Naturschutzbeauftragten und als Wortmeldung für die
Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen auf kommunaler und regionaler Ebene,
unserer ureigenen, gesetzlichen Aufgabe.

Text des
Leserbriefes:

Nie war ein
„Nein“ so wenig grün! Bevor die letzten, großen, wertvollen Landwirtschafts-
und Offenland-Flächen der Stadt in der Ebene-– angeblich (Wohnungs-)Not-wendig
und alternativlos – vernichtet werden, sollten Alternativen endlich ernsthaft
verfolgt werden:

(1) Sind die
bisherigen Bebauungspläne, insbesondere der Gewerbegebiete und des neuen
Stadions wirklich konsequent flächensparend? Hier ließe sich zum Beispiel auf
einfachste Weise fast 80 % des Flächenverbrauchs einsparen, wenn man ein
fünfstöckiges Parkhaus baut – statt ebenerdig. Die Pharmas in Basel machen es
uns vor!

(2) Wäre es
nicht vielleicht sogar gut, auch den Umlandgemeinden oder sogar anderen
Regionen einen Teil des Bevölkerungszuwachses zu „gönnen“, anstatt dies gemäß
„Kirchturmpolitik“ als (Bevölkerungs-)Verlust zu beklagen? Auch dort und nicht
nur in Freiburg können Bauvorschriften zum geringeren Flächenverbrauch erlassen
und gute Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten geschaffen werden.

(3) Gibt es
nicht doch einen verträglichen, erfolgversprechenden Plan B, in dem man viele
kleine Baumaßnahmen nicht nur in den Quartieren, sondern vor allem auch auf
fehl- oder untergenutzten Flächen erzeugt?

(4) Müsste
nicht eine nachhaltige Gesellschaft auch auf kommunaler Ebene die
Sicherstellung landwirtschaftlicher Produktions- und Versorgungsmöglichkeiten
so weit wie möglich auf der eigenen Fläche anstreben? So wie es nur eine Erde
gibt, so hat auch die Stadt Freiburg nur eine Gemarkungsfläche.

(5) Wäre es
(wohnungs)notfalls nicht ein geringerer Verlust, einen relativ kleinen Teil des
riesigen Bergwaldes zu opfern, anstatt letzte, große Landwirtschafts- und
Offenland-Fläche in der Ebene?

(6) Gibt es
durch die verstärkte und weiter zunehmende Verstädterung (Urbanisierung) nicht
mehr Probleme als Lösungen – regional bis global?

Nie war ein „Ja“ so Zukunft für eine – sozial,
ökonomisch und ökologisch – nachhaltige Stadt Freiburg.“

Dr. Dagmar Reduth und Dr. Thomas Ludemann,
Naturschutzbeauftragte der Stadt Freiburg




Rede von Stadtrat Winkler bei Schülerdemo

Bei der großen Schülerdemonstration am 18.1.2019 auf dem Platz der Alten Synagoge gegen den Klimawandel bekam als einziger Ü30er, obwohl selbst schon Ü60, der Fraktionsvorsitzende von Freiburg Lebenswert / Für Freiburg, Dr. Wolf-Dieter Winkler, Gelegenheit, eine Rede zu halten. Er unterstrich damit als Mitglied von Freiburg Lebenswert auch deren Unterstützung für die Anliegen der demonstrierenden Schüler.

Er berichtete, dass er 1975, einen Tag vor seinem Chemie-Abitur, nach Wyhl gefahren ist, um mit 10.000 anderen Kernkraftgegnern den Bauplatz des dort geplanten Kernkraftwerkes zu besetzen. Dies sei für ihn kritisch gewesen, denn wenn er verhaftet worden wäre, hätte das nachteilige Auswirkungen auf sein Abitur gehabt. Aber das sei es ihm wert gewesen, um als Schüler gegen diese inakzeptable Energieform zu protestieren. Er stellte weiter fest, dass der Klimawandel womöglich eine noch größere Bedrohung des Lebens auf unserem Planeten sei, als es die Kernenergie ist. Und daher sei es wichtig, dass die Schüler heute und hier gegen die Ignoranz des Klimawandels durch die Politiker protestieren.

Er schilderte weiter, dass die momentane Konzentration an CO2 in der Atmosphäre etwa 410 parts per million (ppm) beträgt und diese stetig zunimmt. Die Zunahme stieg in den letzten Jahren auf über 3 ppm/Jahr an. Würde sich dieser Trend fortsetzen, dann hätten wir in etwa 13 Jahren die kritische Konzentration von 450 ppm erreicht. Bei etwa 450 ppm erwarte man den Kipppunkt des Klimawandels. Bei Überschreiten des Kipp-Punktes wird der Klimawandel unumkehrbar sein, er wird sich selbst verstärken. Dies wird vor allem durch das Auftauen der Permafrostgebiete verursacht. Dadurch werden Unmengen Methan freigesetzt, die den Klimawandel extrem beschleunigen werden. Methan ist als Klimagas etwa 30-mal schädlicher als CO2. Es müsse also alles getan werden, um die CO2-Zuwachsraten zu verringern, um Zeit zu gewinnen.

Es sei ungeheuerlich, dass die Politik nicht bereit ist, 40.000 Arbeitsplätze in der Kohleindustrie anzutasten, aber kein Problem damit hatte, vor rund sechs Jahren 120.000 neu geschaffene Arbeitsplätze in der Solarindustrie durch massive Verschlechterung des Erneuerbaren Energiegesetzes (EEG) von heute auf morgen zu zerstören.

Er rief den Teilnehmern zu,
weiterzumachen, nicht locker zu lassen, ein Stachel im Fleisch der Politiker
und der Kohleindustrielobby zu sein. Statt sie zu sanktionieren, sollten Lehrer
und Eltern stolz auf die Schüler sein, dass sie sich für eine lebenswerte
Zukunft einsetzen. Er dankte ihnen abschließend für ihr Engagement.

Die Schüler quittierten seine
solidarischen Worte mehrmals mit großem Applaus.

Stadtrat Dr. Wolf-Dieter Winkler spricht bei der Schülerdem am 18.01.2019 (Foto: W. Deppert)

Die Schwedin Greta hat damit angefangen. Seither demonstrieren viele Schüler am Freitag gegen den Klimawandel. So auch in Deutschland, wo am Freitag Schüler – auch in Freiburg – auf die Straße gegangen sind. Siehe dazu: https://www.zdf.de/nachrichten/heute-journal/streik-gegen-den-klimawandel-100.html




Abseits von “Green City”

Vor dem Bürgerbegehren zum neuen Stadtteil Dietenbach am 24. Februar 2019 empfiehlt es sich, sich umfassend zu informieren! Dazu gehörte es, alle Seiten – vor allem die der Betroffenen – zu hören. In einem Film mit dem Titel “Im Abseits von GREEN CITY – Die Bauern vom Dietenbach und das Wohnen” kommen viele der betroffenen Landwirte, aber auch Umweltschützer und andere Experten zu Wort. Der Film ist ein sehenswertes Statement, für das man sich die entsprechende Zeit (49 Minuten) nehmen sollte.

Hier der Link zum Youtube-Video “Im Abseits von GREEN CITY”: https://www.youtube.com/watch?v=YVjun77jZLE

Einige der betroffenen Landwirte im Dietenbach (Foto: M. Falkner)

Protest der Eigentümer und Landwirte gegen die Vernichtung der landwirtschaftlichen Flächen im Dietenbach (Foto: W. Deppert

Auch offline kann der Film angeschaut werden. Siehe:




Petition gegen Bebauung des Dietenbachgeländes

Auf dem Portal des Vereins “Rettet den Regenwald e. V.” gibt es eine neue Online-Petition, die die Anliegen der Gemeinschaft Rettet Dietenbach aufgegreift und unterstützt. Siehe: https://www.regenwald.org/petitionen/1158/bauern-und-buerger-gegen-grossprojekt?t=362-272-2702-1  Dort kann man online die folgenden Anliegen unterstützen:

Im Westen von Freiburg – zwischen Autobahn, Schnellstraßen, Wohnsiedlungen und dem Naturschutzgebiet Rieselfeld – erstreckt sich auf 169 Hektar Land die Dietenbach-Niederung. Bauern pflanzen dort Getreide, Mais und Sonnenblumen an oder fahren Heu von den Wiesen ein. Es sind die letzten landwirtschaftlichen Flächen Freiburgs. Und auf einem Drittel der Fläche steht Wald.

Doch genau hier will der Gemeinderat ein neues Stadtviertel für 15.000 Menschen bauen. 100 Hektar fruchtbare Böden sollen unter Wohnhäusern verschwinden. Den Landwirten droht die Enteignung oder das Auslaufen der Pachtverträge. Die regionale Landwirtschaft, politisch mit schönen Worten oft gewollt, soll hier zugrunde gerichtet werden. Unseren Böden, die Lebensgrundlagen von Menschen, Tieren und Pflanzen, droht die Versiegelung mit Asphalt und Beton. Ersatzflächen für die Bauern stehen in der dichtbesiedelten Region ebensowenig zur Verfügung wie Ausgleichsflächen für die Natur.

Für das geplante “ökologische” Riesen-Neubaugebiet muss die Niederung bis zu drei Meter hoch aufgeschüttet werden. Vier bis fünf Millionen Tonnen Auffüllmaterial sind dazu notwendig, das entspricht 422.000 Lkw-Fahrten, rechnet die Bürgerinitiative Pro Landwirtschaft und Wald vor, die sich mit 14 Umwelt- und Naturschutzvereinen zusammengeschlossen hat.

Bundesweit werden 62 Hektar Land TÄGLICH zubetoniert – das entspricht ca. 80 Fußballfeldern – für Straßen, Gewerbegebiete und Siedlungen. Der Flächenverbrauch in Deutschland muss gestoppt werden. Denn wir sind auf dem besten Weg, unsere Böden und Lebensgrundlagen zu vernichten.

Protest gegen den Landverbrauch auf dem Dietenbach-Gelände (Foto: W. Deppert)




Landschaftzerstörendes Rückhaltebecken im Bohrertal

Folgende Rede hat Stadtrat und Fraktionsvorsitzender Dr. Wolf-Dieter Winkler (FL) im Gemeinderat am 11.12.2018 zu Thema
Hochwasserschutz Bohrertal (hier: Projektgenehmigung und Einleitung eines Enteignungsverfahrens, TOP 20, Drucksache G-18/261) für die Fraktionsgemeinschaft FL/FF gehalten:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren,

es wird Sie nicht überraschen, dass wir eine völlig andere Sicht auf die Dinge haben, als die, die hier von allen anderen Vorrednern beschrieben wurde. Es ist schon erstaunlich, mit welchen Begründungen seitens des Baudezernats versucht wird, den Bau des Hochwasserdamms im Bohrertal vom Bau eines Stadtteils Dietenbach zu entkoppeln. Und das, obwohl in früheren Vorlagen klar festgestellt wird, dass einem Beginn der Gewässerausbauarbeiten am Dietenbach erst nach Inbetriebnahme der Hochwasserrückhaltebecken Bohrertal und Breitmatte zugestimmt werden kann. Jetzt auf einmal sollen Dietenbach und Rückhaltebecken keinesfalls etwas miteinander zu tun haben? Meine Damen und Herren, selbstverständlich wird der Hochwasserdamm im Bohrertal ausschließlich für Dietenbach benötigt! Dass die Wiehre und angrenzende Stadtteile dann auch noch vor Hochwasser geschützt wären, ist allenfalls ein willkommener Kollateralnutzen. Bisher hat die dortige Überschwemmungsgefahr das Baudezernat über lange Zeit offensichtlich nur unwesentlich beeindruckt. Ganz im Gegenteil wurden noch vor wenigen Jahrzehnten Baugenehmigungen unmittelbar am Hölderlebach erteilt – wie beispielsweise am Roßhaldeweg.

Meine Damen und Herren, das Dietenbachgelände liegt in einem festgesetzten Überschwemmungsgebiet, in denen ein Hochwasserereignis statistisch einmal in 100 Jahren zu erwarten ist (HQ 100) nach § 65 Wassergesetz Baden-Württemberg (WG). Nach § 76 Wasserhaushaltsgesetz (WHG) sind Überschwemmungsgebiete Gebiete, die bei Hochwasser eines oberirdischen Gewässers überschwemmt oder durchflossen oder die für Hochwasserentlastung oder Rückhaltung beansprucht werden. Überschwemmungsgebiete im Sinne dieses Paragrafen sind in ihrer Funktion als Rückhalteflächen zu erhalten. In einem Überschwemmungsgebiet besteht grundsätzlich ein Bauverbot nach § 78 WHG. In § 77 WHG wird sogar noch ein Schritt weitergegangen, indem gefordert wird, dass frühere Überschwemmungsgebiete, die als Rückhalteflächen geeignet sind, so weit wie möglich wiederherzustellen sind. In Green-City geht man paradoxerweise den umgekehrten Weg! Man will einen neuen Stadtteil in einem Überschwemmungsgebiet bauen! Der Bau des neuen Stadtteils auf einer HQ100-Überschwemmungsfläche in der Dietenbachniederung ist nach § 78 WHG aber nur möglich, wenn die Hochwasserrückhaltung nicht beeinträchtigt und der Verlust von verloren gehendem Rückhalteraum umfang-, funktions- und zeitgleich ausgeglichen wird. Durch den beantragten Bau des Hochwasserrückhaltebeckens im Bohrertal auf Gemarkung Horben soll diese Kompensation realisiert werden.

Das Becken im Bohrertal soll also nicht, wie von der Stadtverwaltung dargestellt, dem Hochwasserschutz von Günterstal, Wiehre oder Haslach dienen, sondern soll einzig und allein das Bauverbot im Überschwemmungsgebiet der Dietenbach-Niederung umgehen. Ohne die vorliegende Funktion dieser Hochwasserschutz-Bauwerke ist Dietenbach nicht genehmigungsfähig. Ohne den Planfeststellungsbeschluss für Horben kann Dietenbach nicht wie geplant bebaut werden, weil die Gewässer-Ausbaubreite des Dietenbachs auf das 2-3fache hochgesetzt werden müsste und sich dann dauerhaft die bebaubare Fläche um mehrere ha verringern würde.

Der Bau eines 280 m langen und über 13 m hohen Dammes im Bohrertal, aber auch der Ausbau der Breitmatte erfordern umfangreiche Erdbewegungen durch Bagger, Planierraupen und LKW, alle mit Dieselmotoren ausgerüstet. Eine gigantische Menge an Transportfahrten und Erdbewegungen sind für die bis zu 3 m hohe Aufschüttung des Dietenbachgeländes zu prognostizieren. Die Folgen des durch CO2 verursachten Klimawandels sollen also durch weiteres massenhaftes Ausstoßen von CO2 verringert werden? Wie verquer ist das denn? Und es ist moralisch schon seltsam, wenn seitens der Stadt so getan wird, als hätte man die Rückendeckung der Umweltverbände für ein solches Vorgehen. Da diese sich gegen Dietenbach positioniert haben, ist es ja wohl nur logisch, dass sie sich auch gegen die landschaftszerstörenden Rückhaltebecken aussprechen.

Meine Damen und Herren, das Regen-Einzugsgebiet des Hölderlebaches ist ja überschaubar. Es handelt sich um das recht kleine, nur ca. 18 km² große Gebiet der nordwestlichen Schauinslandhänge. Dieses Gebiet ist nahezu komplett unversiegelt und kann daher von vornherein schon mal große Wassermassen fassen und zurückhalten. Und es ist ja keineswegs so, dass für die Stadtteile am Hölderlebach nichts gegen trotzdem noch mögliches Hochwasser unternommen worden sei. Ganz im Gegenteil ist die Breitmatte vor einigen Jahren als großes Regenrückhaltebecken ausgebaut worden und kann damit ebenfalls enorme Wassermassen zurückhalten. Zum Schutz von Günterstal würde die Entschärfung der beiden Engstellen an der Hirsch-Brücke und beim Stadttor viel Gefahrenpotential vermindern. Würde man dann noch dem Vorschlag des ehemaligen Leiters des Amtes für Stadtentwässerung, Jürgen Bolder, folgen und die Wonnhalde-Kleingärten als potentielle Überflutungsfläche nutzen, dann wären in unseren Augen die Stadtteile Wiehre, Haslach usw. wirksam geschützt. Als Pächter eines dortigen Kleingartens habe ich persönlich jedenfalls nichts gegen eine solche Lösung einzuwenden.

Man muss auch mal die Rund-Um-Sorglos-Paket-Mentalität mancher Zeitgenossen in Frage stellen. Wer am Unterlauf der Mosel oder des Rheins wohnt, der weiß, dass sein Haus alle paar Jahre mehrere Meter hoch im Wasser steht und trifft entsprechende Vorsorge. Wer ein Haus am Hölderlebach baut oder kauft, der muss sich darüber im Klaren sein, dass sein Haus bei Hochwasser des Baches ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Auch ich habe diese leidvolle Erfahrung machen müssen. Bei einem Platzregen vor einigen Jahren stand die obere Stadtstraße in kurzer Zeit 60 cm unter Wasser. Und aufgrund der geschlossen Häuserfront auf der Westseite der Stadtstraße mit einem einzigen Durchlass bei unserem Haus schoss ein Großteil des Wassers der Stadtstraße in den Hof und von dort direkt in unseren Keller. In Kürze stand der ca. 100 m² große Lehmboden-Keller komplett unter Wasser. Warum schildere ich Ihnen das? Weil es bei mir eben nicht zu der Forderung nach einem Regenrückhaltebecken an den Herdermer Hängen führte, sondern zu Überlegungen, was ich baulich verändern muss, um ein solches Schadensereignis künftig auszuschalten oder zumindest zu minimieren.

Nein, meine Damen und Herren, Hochwasserschutz bei vorhandenen Häusern liegt in erster Linie in der Eigenverantwortung der Hauseigentümer. Der bisherige Ausbau der Breitmatte und weitere geplante kleinere Maßnahmen der Stadt unterstützen diesen Schutz. Dazu brauchen wir die Regenrückhaltebecken im Bohrertal und eine Vergrößerung der Breitmatte nicht. Und den Bau von Dietenbach lehnen wir aus ökologischen, landwirtschaftlichen und finanziellen Gründen ab. Dazu brauchen wir die Regenrückhaltebecken im Bohrertal und eine Vergrößerung der Breitmatte ebenfalls nicht. Wir von Freiburg Lebenswert / Für Freiburg lehnen daher diese Druckvorlage ab!




Einsatz für den Klimaschutz

Im Gemeinderat am 11.12.2018 hat Stadtrat und Fraktionsvorsitzender Dr. Wolf-Dieter Winkler (FL) zum Thema Klimaschutz, (hier: Beitritt der Stadt Freiburg zum Verein “CO2 Abgabe e.V.”, TOP 9, Drucksache G-18/218) für die Fraktionsgemeinschaft FL/FF folgende Rede gehalten:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren,

auch wenn es nur um einen formaler Beitritt zu einem Verein (CO2-Abgabe e.V.) geht, möchte ich doch aufgrund der Brisanz des Klimawandels einige Worte dazu sagen.

Momentan beträgt die Konzentration an CO2 in der Atmosphäre etwa 410 parts per million (ppm). Und sie nimmt stetig zu. Die Zunahme betrug lange Zeit etwa 2 ppm/Jahr und stieg in den letzten Jahren auf über 3 ppm/Jahr an. Würde sich dieser Trend fortsetzen, dann hätten wir in etwa 13 Jahren die kritische Konzentration von 450 ppm erreicht. Bei etwa 450 ppm erwartet man den Kipppunkt des Klimawandels. Bei Überschreiten des Kipppunktes wird der Klimawandel irreversibel sein, er wird sich selbst verstärken. Dies wird vor allem durch das Auftauen der Permafrostgebiete und der Kontinentalschelfe, worunter man die flache submarine Fortsetzung der kontinentalen Küstenzone mit einer Wassertiefe von weniger als 200 m versteht, verursacht. Dadurch werden Unmengen Methan freigesetzt, die den Klimawandel extrem beschleunigen werden. Methan ist etwa 30-mal schädlicher als CO2, ein Kilogramm Methan entspricht daher 30 Kilogramm CO2-Äquivalent (CO2äq). Ab einer CO2-Konzentration von 450 ppm werden in vielen Regionen plötzliche und drastische Klimaänderungen mit unabsehbaren Folgen für die Entwicklung der Menschheit und für die Entwicklung von Flora und Fauna erwartet. Zu den erwarteten Folgen gehören z.B. das Schmelzen des arktischen, grönländischen und westantarktischen Eises, das Abtauen des tibetischen Hochlands, die Unterdrückung der atlantischen und antarktischen Tiefenwasserbildung, Störungen des indischen und westafrikanischen Monsuns und das Austrocknen des amazonischen Regenwaldes. Wir müssen also zunächst dringend die CO2-Zuwachsraten verringern, um Zeit zu gewinnen.

Prof. Felix Ekardt (Gründer und Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin) hat am 14. November 2018 bei den Freiburger Umweltgesprächen recht drastisch geschildert, wie er sich den Umbau auf eine CO2-freie Zukunft innerhalb von 20 Jahren vorstellt. Einfach jedes Jahr ein Zwanzigstel der fossilen Brennstoffe aus dem Markt nehmen. Leichter gesagt, als getan. Aber, mit der vom CO2-Abgabe-Verein vorgeschlagenen CO2- oder Klimaabgabe könnte dies in der Tat leicht in die Praxis umgesetzt werden.

Bisher sind in Deutschland die klimapolitischen Rahmenbedingungen gekennzeichnet durch eine kaum noch zu durchschauende Anzahl von Steuern und Umlagen, die nur geringe ökologische Lenkungswirkung haben. Es ist daher nicht nur naheliegend, sondern überfällig, die komplexe Steuer- und Umlagenstruktur auf Energie in Deutschland, die durch Partikularinteressen und Ausnahmeregelungen geprägt ist, am Klimaschutz neu auszurichten, und zwar nach der Umwelt- und Klimaschädlichkeit der eingesetzten Energieträger. Ziel der CO2-Abgabe ist also eine verursachergerechtere und effektivere Anreizwirkung zur Vermeidung von Klimaschäden infolge der CO2-Emissionen fossiler Energieträger. Gleichzeitig sollen mit den Einnahmen bestehende Umlagen und Steuern abgelöst, eine annähernde Aufkommensneutralität erreicht werden. Diese betragen gegenwärtig rund 36 Mrd. €/a. Die Summe aus EEG-Umlage (EEG = Erneuerbare Energien Gesetz), KWK-Umlage (KWK = Kraft-Wärme-Kopplung), Energiesteuern für Heizöl und Erdgas zur Erzeugung von Wärme und der Stromsteuer soll also durch die CO2-Abgabe ersetzt werden. Der CO2-Preis kann als einzige relevante Steuerungsgröße – im Gegensatz zu den zahlreichen Stellgrößen des derzeitigen Förderinstrumentariums – in seiner Höhe und dem zeitlichen Verlauf relativ leicht und rasch an sich ändernde Rahmenbedingungen angepasst werden. Dies ist auch ein entscheidender Vorteil, wenn sich herausstellen sollte, dass die Lenkungswirkung eines vorgegeben CO2-Preises nicht ausreicht, um das ehrgeizige Klimaschutzziel einer vollständigen Dekarbonisierung bis zur Jahrhundertmitte zu erreichen. Da es sich bei einem CO2-Preis um ein marktkonformes und transparentes Steuerungsinstrument handelt, erreicht man durch seine konsequente Einführung ohne Ausnahmen eine erhebliche Flexibilität und zusätzliche Schnelligkeit bei dem notwendigen permanenten Anpassungsprozess, der für einen vollständigen Umbau unserer Energieversorgung unverzichtbar ist. Da entsprechend der Klimaschutzziele die energiebedingten Treibhausgasemissionen mit der Zeit abnehmen (sollten), muss der CO2-Preis kontinuierlich steigen, um über einen festzulegenden Zeitraum ein ausreichendes Aufkommen zu erzielen. Nur so kann die erwünschte Lenkungswirkung ausreichend lang aufrechterhalten bleiben. Der Vorschlag orientiert sich dabei an den Schadenskosten des Klimawandels.

Um politisch nationale CO2-Preise durchsetzen zu können, sind Höhe und Dynamik nationaler CO2-Preise nicht nur an den Klimaschutzzielen zu orientieren, sondern müssen auch für Unternehmen und Verbraucher nachvollziehbar, planbar und sozial verträglich gestaltet sein. Strukturbrüche durch den Energiemarkt müssen verhindert und soziale Härten berücksichtigt werden. Der vom CO2-Abgabe-Verein vorgelegte Diskussionsvorschlag will diese Kriterien erfüllen.

Meine Damen und Herren, ein Beitritt der Stadt Freiburg zum CO2-Abgabe-Verein, dem ich übrigens persönlich auch unmittelbar nach seiner Gründung beigetreten bin, ist daher aus der Sicht von Freiburg Lebenswert / Für Freiburg logisch und konsequent.




Wohnwünsche erfüllen und das Klima retten

Auf dem Wohngipfel im September dieses Jahres wurde im Bundeskanzleramt die Umsetzung eines „umfassenden Maßnahmenbündels zur Stärkung des Wohnungsneubaus und zur Sicherung bezahlbaren Wohnens vereinbart“, so die Pressemitteilung des Bundesinnenministeriums. Zweck sei es, „den Bau von 1,5 Mio. neuen Wohnungen zu ermöglichen und bezahlbaren Wohnraum zu sichern”. Dafür wolle man „in dieser Legislaturperiode allein für den sozialen Wohnungsbau, das Baukindergeld, das Wohngeld und die auf Rekordniveau fortgeführte Städtebauförderung mehr als 13 Mrd. € zur Verfügung stellen“.

Der Wohnungsbauexperte Daniel Fuhrhop sieht das kritisch und fragt nach den Konsequenzen: „Die Milliarden sollen einen Bauboom auslösen, der jedoch das Klima zerstört“, meint er. Er möchte Alternativen zu den Neubaumilliarden des Wohngipfels aufzeigen und fragt danach, „wo und wie Menschen wohnen“ könnten. Wir möchten zu diesem Thema hier den folgenden, auf seinem Blog veröffentlichten Text widergeben, der das Dilemma aufzeigt, in dem sich die die politischen Akteure befinden – nämlich Bauboom und Klimaziele unter einen Hut zu bekommen. Daniel Fuhrhop zeigt aber auch, wie man es anders und besser machen kann:

„Der lange und verdächtig heiße Sommer war noch in guter Erinnerung, da präsentierte die Regierung beim Wohngipfel ein Milliardenprogramm für Neubau, das aber den Klimawandel beschleunigen wird. Dieser Widerspruch fiel auch den Politikern auf, weshalb sie in den Wohngipfel-Ergebnissen schrieben: „Bezahlbares Bauen und Wohnen, Energieeffizienz und Klimaschutz dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden“. Doch dieses Bekenntnis zum Klimaschutz blieb eine Phrase, denn der Wohngipfel bietet sonst nur Neubau, für den an die fünfzehn Milliarden Euro fließen (in Baukindergeld, sozialen Wohnungsbau und Sonderabschreibung), und der die Sommer noch heißer machen wird.

Die Milliarden sollen einen Bauboom auslösen, der jedoch das Klima zerstört:

Es erfordert viel Energie, ein Haus zu bauen, und selbst sogenannte Energiesparhäuser sparen keine Energie, sie verbrauchen nur weniger Heizenergie als andere Häuser – sie neu zu bauen verbraucht aber oft mehr Energie, als sie in ihrer gesamten Lebensdauer von fünfzig und mehr Jahren an Heizenergie benötigen. Bauen schadet dem Klima, und obendrein verschwinden dadurch die grünen Flecken, die unsere Städte im Klimawandel kühlen.

Daniel Fuhrhop: “Verbietet das Bauen!”

Der „alternative Wohngipfel“ bot dazu keine Alternative, denn die Proteste wenden sich gegen hohe Mieten und Spekulation, rufen aber nicht zu weniger Bauen auf, nur zu anderem, zu mehr sozialem und gemeinwohlorientiertem. Doch jede Art des Neubaus schadet nicht nur, sondern – welch Tragik – sie nutzt auch nichts. So stieg seit der Wiedervereinigung die Einwohnerzahl Deutschlands um drei Millionen, aber die Zahl der Wohnungen stieg um acht Millionen (das wäre genug Platz für sechzehn Millionen Menschen). In Hamburg beispielsweise leben heute genausoviel Menschen wie 1964, aber die Zahl der Wohnungen stieg um die Hälfte (von 600.000 Wohnungen auf 900.000). Trotzdem suchen viele Menschen Wohnraum, denn wir wohnen anders und anderswo, an anderen Orten und auf mehr Fläche als früher. Das sind die Ursachen des Wohnungsmangels und zugleich liegt hier die Lösung: Eine Alternative zum Neubau fragt, wie und wo die Menschen wohnen.

Lenken wir zumindest ein Hundertstel des Neubaugeldes um und investieren es stattdessen, um das Wie und Wo des Wohnens zu ändern! Das sollte selbst Bauwütigen einleuchten, denn das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens besagt: Die fünfzehnte Milliarde für Neubau bewirkt weit weniger als die erste. Dagegen entstünde mithilfe einer ersten Milliarde viel Wohnraum in Altbauten. Dort gibt es bereits über vierzig Millionen Wohnungen, und wenn wir sie auch nur ein Prozent besser nutzen, wird mehr Wohnraum frei als durch sämtlichen Neubau. Wenn bei den vier Millionen Umzügen jährlich in Deutschland mehr Menschen in kleinere Wohnungen zögen, würden mehr größere frei. Obendrein erfüllen wir dadurch Wohnwünsche; starten wir also ein Wohnwünsche-Programm der Umzüge, des Umbaus und der Untermiete.

Das „Wie“ des Wohnens ändern

Es ist nicht einfach, Wohnraum in Altbauten zu schaffen, aber auch der Neubau ist nicht einfach. Ein neues Baugebiet zu erschließen dauert lang, ist teuer und erfordert gründliches Planen und kluges Handeln von vielen Beteiligten. Ähnlich schwierig wird es, alte Häuser besser zu nutzen, auch wenn es eher weniger kostet, denn sie stehen bereits. In Altbauten verbergen sich Millionen ungenutzte Räume, weil wir anders wohnen als früher: Wenn Kinder ausziehen oder Menschen sich trennen oder einer stirbt, bleibt oft einer allein in der großen Wohnung. Dort wohnten früher oft drei Generationen zusammen, heute gibt es das nur noch in jedem zweihundertsten Haushalt. Man kann das bedauern, aber nicht rückgängig machen, denn der Zusammenhalt ging verloren, weil wir Freiheit gewannen. So beugten sich früher vor allem Frauen dem moralischen Zwang, pflegebedürftige Eltern und Schwiegereltern zuhause zu betreuen; doch heute verfolgen Männer und Frauen gleichermaßen ihre Berufe und Karrieren. Außerdem werden Familien kleiner und Ehen öfter geschieden.

Wohnwünsche erfüllen

Alternative Bauweisen und Wohnmodelle behandelt dieses Buch des Architektur- und Wohnexperten Daniel Fuhrhop.

Als Ergebnis dieses Wandels wohnt heute in Großstädten in jedem zweiten Haushalt einer allein; sechs Millionen Menschen wohnen allein in vier oder mehr Räumen, davon 600.000 sogar allein in sieben oder mehr Zimmern. Wer damit glücklich ist und es sich leisten kann, dem sei es gegönnt – niemand soll gezwungen werden, anders zu wohnen. Doch bei vielen hat es sich ohne Kinder und Partner einfach so ergeben, und sie wünschen sich mehr Nähe und mehr Nachbarschaft, aber weniger Belastung durch ungenutzte Räume. Diesen freien Platz kann man nutzen, so dass Menschen zusammenrücken. Zum Beispiel durch Untermiete nach dem Modell „Wohnen für Hilfe“: Dabei wohnen meist junge Leute bei Älteren, zahlen aber keine Miete in Euro, sondern in Stunden, etwa durch Hilfe im Garten, beim Einkaufen oder im Haushalt. In über dreißig Städten arbeiten bereits Vermittler von „Wohnen für Hilfe“, oft von Studentenwerken, doch es gibt allein vierhundert Hochschulen in Deutschland!

Anderen wäre Untermiete zu eng, aber sie wären bereit, umzubauen und Einliegerwohnungen abzutrennen. Wieder andere würden umziehen, wenn es ein passendes Angebot gibt, etwa um die Ecke in einer ebenerdigen Wohnung, und wenn jemand beim Umzug hilft. Dann geht es vielleicht in eine Senioren-WG oder ein Wohnprojekt; dort teilen Menschen Räume, sparen Platz und schaffen Wohnraum.

Um all diese Wohnwünsche kümmern sich bereits Stellen, doch oft nebeneinander her: die einen vermitteln Wohnraum für Senioren oder Flüchtlinge oder Menschen mit Behinderung, die anderen beraten zu Umbau, wieder andere helfen beim Umzug; da gibt es Kommunen und Sozialverbände, Wohnungsgesellschaften und Ehrenamtliche. Die Angebote zu vernetzen wäre die Aufgabe einer Wohnwünsche-Agentur. Sie berät alle, denen ihre Wohnung zu groß geworden ist, und erfragt ihre Wünsche. Möchte jemand untervermieten? Dann vermittelt die Agentur Wohnpartner. Möchte jemand umbauen? Architekten klären, ob sich eine Wohnung abtrennen lässt oder wie man eine Wohngemeinschaft unterbringt. Wer möchte anders wohnen? Die Kümmerer erfragen Wohnwünsche und schaffen dadurch neuen Platz in alten Häusern. Wenn wir auch nur ein Hundertstel der fünfzehn Neubaumilliarden umwidmen, entstehen 250 Wohnwünsche-Agenturen.

Das „Wo“ des Wohnens

Wieviel Wohnraum können sie gewinnen? Das ist schwer zu sagen, denn während jeder Betonzuschlagstoff genau untersucht wird, fehlt Forschung zum Wie des Wohnens – und zum Wo. Bislang verlassen viele Menschen schrumpfende Orte und für sie wird dann in Boomstädten neu gebaut. Um die leerstehenden Häuser in Schrumpfstädten wieder zu beleben, gibt es zwar viele Projekte, doch deren Wirkung verpufft oft. Dagegen könnte ein Programm helfen, das Orte zu Willkommensstädten umwandelt: Es lockt fünf Gruppen in die Schrumpfregionen.

Erstens lockt es Existenzgründer, die günstige Arbeitsräume vorfinden, zweitens Flüchtlinge, weil viele der Orte dringend Arbeitskräfte suchen. Drittens wirbt man Touristen, denn schrumpfende Regionen wie Harz und Frankenwald bieten wunderschöne alte Häuser; dort richtet man nach italienischem Vorbild „alberghi diffusi“ ein, verstreute Hotels in ehemals leerstehenden Häusern, mit einer zentralen Rezeption. Viertens übernachten Probewohner kostenlos eine Woche im Ort, wie es Görlitz getestet hat, weil dadurch zweifelnde Menschen erleben, dass ihre Vorurteile unbegründet sind. Dazu zählen Rückkehrer, die einst abwanderten und nun sehen, dass ihre alte Heimat Platz und Arbeitsplatz bietet.

Daniel Fuhrhop: “Willkommensstadt”.

Diese vier Gruppen bauen Wohnungen und Arbeitsräume um und beleben dadurch die lokale Wirtschaft. Doch eine Gruppe muss dazukommen, um das Bild endgültig zu ändern: Kreative, die im Ort leben und arbeiten, und zwar nicht nur einer, wie bei manchen Stadtschreiber-Stipendien, sondern gleich hundert. Wenn Stipendien hundert Kreative gleichzeitig in einen Ort locken, werden die verrückte Sachen machen, sie werden miteinander arbeiten oder mit den alten Einwohnern oder mit den jungen Zuzüglern, mit den Existenzgründern und den Touristen, und das lockt Neugierige an, mehr Touristen und mehr Kreative, und letztlich wieder mehr Bewohner.

Für zehn Willkommensstädte reicht ein Hundertstel der Neubaumilliarden, ebenso wie ein Hundertstel 250 Wohnwünsche-Agenturen ermöglicht und weitere Hundertstel andere Werkzeuge finanzieren: Leerstandskataster und Leerstandsmanager, Wohnprojekte und Mehrgenerationenwohnen, Einbauten und Ausbauten, sowie Radschnellwege zwischen boomenden und schrumpfenden Gegenden. Doch um das anzugehen, müssen Bauämter zu Umbauämtern werden und Bauministerien zu Umbauministerien. Als Lohn werden Wohnwünsche erfüllt, Wohnungsmangel beseitigt und das Klima gerettet.“

Dieser Text von Daniel Fuhrhop erschien zuerst in der Nürnberger Zeitung. Er erteilte uns, als er für FL/FF in Freiburg einen Vortrag hielt,  die Genehmigung seine Blog-Beiträge zu teilen und an dieser Stelle zu veröffentlichen. Das Copyright liegt jedoch bei ihm und muss bei ihm persönlich eingeholt werden.

Siehe: http://www.verbietet-das-bauen.de/wohnwuensche-erfuellen-klima-retten/?fbclid=IwAR2KVjYAjy4kTX4lMyfbUV-FzlI_KJ-ARtYAaSNXRjB_pkTX5B-z3RIWdLw




Den Bürgerentscheid zur Kurskorrektur nutzen

Pressemitteilung der Fraktionsgemeinschaft Freiburg Lebenswert / Für Freiburg (FL/FF) vom 2. November 2018

FL/FF begrüßt den Erfolg des Aktionsbündnisses „Rettet Dietenbach“. Das Erfüllen des Quorums mit mehr als 12.500 gültigen Unterschriften ist umso bemerkenswerter, als durch die Sommerferien wertvolle Zeit für das Sammeln der Unterschriften verloren ging. Das Gelingen ist ein Zeichen dafür, dass die Freiburger Bürgerschaft durch dieses demokratische Mittel stärker beteiligt sein möchte.

Einer der teuersten Stadtteile Freiburgs ist das Rieselfeld – und das, obwohl das Gelände im Eigentum der Stadt war und die Erschließung problemlos erfolgen konnte. Dietenbach ist ungleich schwieriger zu entwickeln. Große Flächen sind hochwassergefährdet und müssen bis zu 3 m aufgeschüttet werden. Entlang B31 und Besançon-Allee sind Lärmschutzwälle zu errichten, zwei Stromleitungen, eine Gasleitung und ein Funkturm müssen verlegt, die Landwirte mit 65 €/m² entschädigt bzw. mit Ersatzflächen versorgt und natürliche Ausgleichsflächen für die zu bebauenden Flächen geschaffen werden. Und die Sparkasse als „Mittler“ macht ihre Arbeit auch nicht umsonst. Dennoch ist die Finanzierung keineswegs gesichert. Gleichzeitig soll der Stadtteil – zumindest „im Betrieb“ – klimaneutral sein und es soll die 50%-Regelung für „sozialen Wohnungsbau“ erfüllt werden. Fraktionsvorsitzender Wolf-Dieter Winkler: „Das Ganze erinnert an eine eierlegende Wollmilchsau! Dieser Stadtteil wird aller Voraussicht nach der teuerste Freiburgs werden. Und das wiederum wird sich ganz entscheidend in einer Erhöhung des Freiburger Mietspiegels niederschlagen. Mit einem Stadtteil Dietenbach haben alle Freiburger Mieter eine Erhöhung ihrer Mieten zu befürchten.“

Inzwischen müssen solche riesigen Baumaßnahmen auch global bewertet werden.

Luftbild des Dietenbach-Gelände (Foto: W.-D. Winkler). Hier sollen die letzten landwirtschaftlichen Flächen Freiburgs überbaut werden.

Der Oktober-Bericht 2018 des Weltklimarates schlägt Alarm: Ab jetzt muss sofort dringend und umfassend gehandelt werden, ansonsten wäre eine weitreichende Zerstörung unseres Planeten kaum noch aufzuhalten. In die gleiche Kerbe schlägt der WWF-Report 2018 zum Sterben der Tiere. Der Ressourcenverbrauch der Menschen übersteigt die Belastbarkeit der Erde um das 1,7fache. Angesichts der Untergangsszenarien durch den Klimawandel wie Ab-schmelzen der Polkappen, Auftauen der Permafrostböden, zunehmende Wetterextreme, aber auch durch Plastikverschmutzung und Überfischung der Meere, massiven Pflanzen- und Tierartenschwund, usw. ist ein Weiterso des politischen Handelns, auch im kommunalen Bereich, absolut unverantwortlich. Wir haben nur noch wenige Jahre Zeit. Die Anbauflächen für Lebensmittel nehmen aufgrund des Meeresspiegelanstiegs und aufgrund von Starkregen-Ereignissen auf der einen und Dürre auf der anderen Seite kontinuierlich ab, während gleich-zeitig die Weltbevölkerung massiv wächst.

Dies wird gigantische Flüchtlingsströme zur Folge haben. Bis zum Jahr 2100 werden bis zu 2 Milliarden Klimaflüchtlinge prophezeit, wenn nicht gegengesteuert wird. Das sind 2000mal mehr Flüchtlinge als die ca. 1 Million Flüchtlinge des Jahres 2015, die in Deutschland zu politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen geführt haben. Dazu Winkler: „Das bedeutet, dass die menschliche Gesellschaft auf das Wohlergehen des einzelnen Menschen künftig nur dann Rücksicht nehmen kann, wenn dieses nicht zum Nachteil der gesamten Menschheit geschieht. Wenn wir dazu nicht bereit sind, dann werden wir in wenigen Jahrzehnten globale Konflikte erleben, gegen die unsere heutigen Probleme wie bezahlbarer Wohnraum marginal sind. Die menschliche Zivilisation mit ihren Errungenschaften an sich ist bedroht“. Insofern ist ein Bauen „auf der grünen Wiese“, die Vernichtung landwirtschaftlicher Flächen ein absolutes „Geht-Nicht“.

Das Dietenbach-Gelände ist für Ökologie, Stadtklima und Landwirtschaft gleichermaßen wichtig (Foto: M. Falkner)

Stadtrat Klaus-Dieter Rückauer: „Um soziale Verwerfungen bezüglich bezahlbaren Wohnraums zu verhindern und unserer ökologischen Verantwortung gerecht zu werden, müssen endlich alle diejenigen Instrumentarien eingesetzt werden, welche die Schaffung oder Um-verteilung von Wohnraum nutzen, die sich nicht nachteilig auf die Zukunft der Menschheit auswirken.“ Viele Leute wie beispielsweise Daniel Fuhrhop mit seinem Buch „Verbietet das Bauen“ haben gezeigt, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um nicht noch mehr natürliche Flächen für Wohnbau zu opfern. Alle diese Maßnahmen sind zum Teil nicht so einfach umzusetzen wie ein Bauen „auf der grünen Wiese“. Und sie erscheinen, weil sie eher kleinteilig sind, nicht als große Lösungen. Aber in ihrer Summe sind sie mindestens genauso wirksam.

Fazit:

– Dietenbach wird vor allem für die dort wohnenden Mieter ein sehr teurer Stadtteil

– Dietenbach wird damit zu einem Anstieg des Mietspiegels und teuren Mieten in ganz Freiburg führen

– Aus globalen und regionalen ökologischen Erwägungen heraus ist ein neuer Stadtteil Dietenbach als unverantwortlich abzulehnen

FL/FF appelliert daher an die Freiburger Bürger, diesen Bürgerentscheid zu nutzen, um einen neuen Stadtteil Dietenbach zu verhindern.

Siehe auch: “Zu wenig Grünflaechen und zu enge Bebauung”

Hochwasser im Überschwemmungsgebiet Dietenbach.




Gärtnern und grüne Biodiversität in der Stadt

Zu den beiden Themenbereichen “Gärtnern in Freiburg” und “Grün in der Stadt” hat unser Stadtrat Dr. Wolf-Dieter Winkler (FL) für die Fraktion Freiburg Lebenswert / Für Freiburg (FL/FF) am 2. Oktober 2018 im Gemeinderat folgende Reden gehalten.

Beim ersten Thema “Gärtnern und Kleingärten” empfindet er es als “unsinnig und unverhältnismäßig viele Gemeinschaftsgärten zu erstellen” und plädiert dafür, den Fokus auf die Bereitstellung von entsprechend vielen Kleingärten zu legen, statt diese weiter zu reduzieren. Hier seine Rede im Wortlaut:

Gärtnern in Freiburg

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren,

diese Vorlage enthält einige gute Ansätze, die sich in den vier Handlungsfeldern niederschlagen. Allerdings enthält sie auch einige Feststellungen und Forderungen, die wir kritisch hinterfragen müssen bzw. ablehnen.

So wird behauptet, dass als Ergebnis der Befragungen die Freiburger ganz unterschiedliche Gartenformen nutzen möchten. Etwa die Hälfte wünsche einen privaten Kleingarten nur für sich oder die Familie. Die andere Hälfte dagegen kann sich vorstellen, sich als Gruppe in Gemeinschaftsgärten zu engagieren. Festgestellt wird, dass die Bereitschaft zum gemeinschaftlichen Gärtnern am ehesten bei der Gruppe der 20 – 40-jährigen gegeben sei. Wen wundert es, denn jüngere Menschen sind weit eher bereit Experimente einzugehen und diesbezüglich Erfahrungen zu sammeln. Ich vermute mal, wenn man diese Gruppe nochmals in eine Gruppe der 20 – 30-jährigen und in eine Gruppe der 30 – 40-jährigen aufteilt, dass dann in der jüngeren Gruppe die Bereitschaft zum gemeinsamen Gärtnern nochmals größer ist als in der älteren Gruppe.

Die Erfahrungen im Miteinander Arbeiten sind aber oftmals nicht so, wie man sich erhofft, sondern beinhalten fast immer kleine und große Enttäuschungen. Wenn – nur als Beispiel – der eine sät, pflanzt und gießt und der andere diese Pflanzen für Unkraut hält und rausreißt oder sich in erster Linie auf das Ernten konzentriert, wird sich bald Ernüchterung breit machen und die Zusammenarbeit schnell beendet sein. Man wird dann die Vorzüge eines Privatgartens zu schätzen wissen. Diese Meinungsumschwünge eingerechnet würde ich die Prognose stellen wollen, dass sich – wohlgemerkt letztlich – 80% bis 90% der potentiellen Hobby-Gärtner einen Privatgarten wünschen. Es ist daher nach unserer Meinung unsinnig, unverhältnismäßig viele Gemeinschaftsgärten zu erstellen. Der Fokus sollte auf der Bereitstellung von entsprechend vielen Kleingärten liegen, statt diese weiter zu reduzieren.

Ein zweiter Knackpunkt ist die Begrenzung der Pachtdauer. Wenn ein junges Paar sich für die Bewirtschaftung eines Kleingartens entscheidet, dann werden in dem Garten die Kinder, oftmals später die Enkelkinder groß. Man identifiziert sich mit dem Garten, steckt in aller Regel in ihn viel Zeit, Arbeit und Geld. Es wäre daher unverhältnismäßig, diesen Familien die Pachtdauer zu begrenzen.

Weiterhin hat ein hoher Anteil der Kleingärtner einen Migrationshintergrund. Für sie ist ihr Garten ihr Ein und Alles. Sie kennen die Bewirtschaftung von Gärten aus ihrer alten Heimat. Will man allen Ernstes diesen Leuten ihre Gärten nach Ablauf der Pachtdauer wieder wegnehmen?

Hinzu kommt, dass die Begrenzung der Pachtdauer dazu führen würde, dass sich in den Jahren vor Ablauf der Pachtzeit niemand mehr engagiert. Wozu auch? Man hat ja keine gemeinsame Zukunft. Der Garten würde verwahrlosen. Die Fluktuation in den Kleingärten ist unserer Meinung nach hoch genug, dass man auf Zwangsmaßnahmen wie Begrenzung der Pachtdauer unbedingt verzichten sollte.

Dritter Knackpunkt: Nun sollen drei Maßnahmen vorgezogen werden. Mit der Anlage von Nachbarschaftsgärten „Am Lindenwäldele“ und mit urbanem Gärtnern auf der Gleistrasse in Littenweiler können wir uns anfreunden. Nicht jedoch mit der Anlage von Kleingärten auf den Äckern von  Landwirten im Moosacker. Hier werden Landwirte gegen Kleingärtner ausgespielt. Es wird das Erzeugen von sozialen Spannungen und Unfrieden billigend in Kauf genommen. Wir haben dies schon mehrfach kritisiert und ich will deshalb an dieser Stelle nicht nochmals darauf eingehen.

Bleibt festzuhalten: Diese Vorlage ist in Teilen gut, lässt bei bestimmten Forderungen aber erkennen, dass vom Bürostuhl aus praxisfern über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden werden soll. Wir können der Vorlage in dieser Form nicht zustimmen.

Kleingärten sind als grüne Oasen für die Stadt unverzichtbar!

Beim zweiten Thema “Grün in der Stadt” geht es um Aktivitäten zum Schutz von Bäumen und Grünflächen, zur Entwicklung von naturnahen Gewässerrandstreifen und Straßengrün, zur Erhöhung der Biodiversität vor allem bei Insekten und Vögeln:

Grün in Freiburg

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren,

der Antrag der Grünen vom 29.11.2017 zum Thema „Grün in der Stadt“ ist zu begrüßen. In der Tat ist die Befürchtung von großen Teilen der Freiburger Bürgerschaft, dass das ungezügelte Wachstum der Stadt auf Kosten von Bäumen und Grünflächen geht, durchaus nachvollziehbar. Alle in der Vorlage genannten Aktivitäten zum Schutz von Bäumen und Grünflächen, zur Entwicklung von naturnahen Gewässerrandstreifen und Straßengrün, zur Erhöhung der Biodiversität vor allem bei Insekten und Vögeln usw. finden daher unsere ungeteilte Zustimmung.

Stadtrat Dr. Wolf-Dieter Winkler (FL)

Auch wir von FL/FF halten eine Verbesserung bei der verbindlichen Bauleitplanung für dringend notwendig. Durch die Innenverdichtung und den dadurch oftmals bedingten Wegfall von Grünflächen kommt den Dach- und Fassadenbegrünungen eine immer größere Bedeutung zu. Die in der Vorlage angesprochenen Bedenken von Hauseigentümern gegen die Fassadenbegrünung sind weitgehend irrational. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Unser Haus ist zu großen Teilen mit einem dichten, bis zu einem Meter dicken Bewuchs aus wildem Wein und Efeu bedeckt. Solange man den Bewuchs nicht herunter reißt, ist er für den Putz völlig unschädlich. Unser Bewuchs ist ein Paradies für alle möglichen Insekten und Vögel. Fast das ganze Jahr summt und brummt es darin, ganze Heerscharen von Wild- und Honigbienen, Hummeln, Hornissen, Schmetterlingen tummeln sich darin. Zwitschernde Vogelschwärme tollen in dem Blätterwerk umher. Dieses tierische Leben ist eine wahre Freude für jeden Naturliebhaber. Dafür nimmt man gerne in Kauf, dass man im Herbst die Blätter entsorgen, gelegentlich einen Rückschnitt vornehmen und irgendwelche naseweisen Insekten, die glauben, das Habitat auf die menschliche Wohnfläche ausdehnen zu können, hinausbefördern muss.

Bei der Nutzung von Dächern halten wir ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Naturdach einerseits und Stromgewinnung durch Photovoltaik andererseits für notwendig. Angesichts der Vorbehalte in Teilen der Bürgerschaft zur Windenergienutzung u.a. wegen des angeblich beeinträchtigten Landschaftsbildes kommt der Photovoltaik eine umso größere Bedeutung zu, um die städtische Energiewende vollziehen zu können.

Aber, meine Damen und Herren, die amtlich festgesetzten Dach- und Fassadenbegrünungen müssen endlich auch nachträglich überprüft und durchgesetzt werden. Und der verpflichtende Schutz von vorhandenen Bäumen auf Baugrundstücken muss bei Verstößen endlich empfindlich sanktioniert werden. Es kann doch nicht sein – wie beispielsweise vor wenigen Jahren bei einem Neubauprojekt an der Schinzinger Steige Ecke Wintererstraße -, dass ein Bauträger absichtlich stattliche, gesunde Bäume auf dem Grundstück beschädigen lässt, um sie anschließend fällen zu können. Um einen dieser Bäume erreichen und beschädigen zu können, musste der Baggerfahrer sogar umständlich in einen spitzen Winkel des Grundstücks fahren. Gerade mal 6.000 € hat dieser Baumfrevel den Bauträger gekostet. Das entspricht etwa dem Gegenwert von einem Quadratmeter Wohnfläche. Eine solche lächerliche Strafe bezahlt der Bauträger doch feixend aus der Portokasse, wenn er dafür ein Vielfaches an Wohnraumquadratmetern mehr verwirklichen kann.

Nach dem, was wir vor zwei Wochen in München erfahren durften, hat man dort, was Sanktionierungen von Bauherren und Bauträgern angeht, weit weniger Skrupel. Denn genau solche von der Stadt weitgehend tolerierten Unverfrorenheiten von Bauträgern und Bauherren bringen die Anwohnerschaft auf die Barrikaden.

Aber es gibt noch weitere Probleme beim Grün in der Stadt: Zu Sorge Anlass gibt beispielsweise, dass immer mehr Hauseigentümer ihre ehemals grünen Gärten in naturferne Steingärten umwandeln. Hier muss dringend seitens der Stadt entgegengewirkt werden.

Und nach dem heißen Sommer ist zu beobachten, dass gerade die Mammutbäume – beispielsweise an den Weiherhofschulen – massive Nadelverluste erlitten haben. Der Schaden durch den Verlust dieser Bäume wäre ungleich höher, als die Zusatzkosten für die Wässerung der Bäume. In trockenen, heißen Sommern muss im GuT eine Änderung der Priorisierung vorgenommen werden. Sollte neben dem in der Vorlage geforderten mehr Personal für den Baumschutz auch dafür mehr Personal benötigt werden, so werden wir uns diesen Forderungen nicht verschließen.

Grünflächen an Häuserfassaden (Foto: Conrad Amber)