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„Im Städtebau fehlt es nicht an Geld, sondern an Geist!“

Möglichst viele Wohnungen in möglichst kurzer Zeit zu bauen und dabei möglichst hohe Gewinne einzustreichen, das sei das Rezept für die Überwindung der Wohnungsnot, so wird immer wieder behauptet. „Doch die Wirklichkeit stellt ganz andere Forderungen“, so der bekannte und mehrfach ausgezeichnete Journalist und Architekturkritiker Dankwart Guratzsch in einem sehr lesenswerten Debatten-Beitrag der Tageszeitung „Die Welt“ vom 6. Juni 2019 unter dem Titel „Worauf es beim Wohnungsbau wirklich ankommt“. Weiterlesen

Hässlich wohnen

Der Bauwahn in Freiburg verdeckt bald das Münster (Foto: U. Glaubitz)

„Wie wirkt es sich auf die Laune der Menschen aus, wenn Wohnraum immer knapper, teurer – und hässlicher wird?“ so der Untertitel einer Kolumne der Schriftstellerin und Dramaturgin Sibylle Berg, die am 1. September 2018 bei SPIEGEL Online veröffentlicht wurde. Die Presse scheint die Hässlichkeit und Durchschnittlichkeit moderner Architektur in unseren Städten entdeckt zu haben, denn immer mehr Autoren kommen zu Wort und beschäftigen sich damit, was viele Bürger in unseren Städten schon lange stört.

So schreibt Sibylle Berg bei SPIEGEL Online: „Der Mensch formt seine Umgebung, die Umgebung formt den Menschen. Meist ein Perpetuum des Grauens. Oft demonstrieren Gebäude klischeeverstärkende Realität: die Eleganz vieler italienischer Menschen, die solide quadratische Durchschnittlichkeit in Deutschland und der Schweiz. (…) Doch meist sieht man die Mehrzahl der Gebäude, die heute entstehen, der Effektivität und den größtmöglichen Gewinnaussichten für die Bauherren folgen.“

Und sie beklagt die Unehrlichkeit von angeblichem Umweltbewusstsein bei den Bauvorschriften: „Natürlich irgendwie ökologisch, aber nicht zu sehr, nicht so sehr, dass man hängende Gärten errichten wollte. Man polstert einfach viereckige Kästen gut ab. Setzt luftdichte Fenster in die Boxen ein, nicht zu groß, wegen des Energieverlusts.“

Die Autorin benennt auch das soziale Problem, das dahinter steckt: „Die Gebäude, die meisten, die heute entstehen, sind zweckdienliche Zweckbauten, dem Zweck der Unterbringung von Konsumenten geschuldet, und formen den Menschen der Jetztzeit, der kontaktgestört durch ein Leben eiert, in dem Überleben das höchste Gut ist, Mittelmaß der Status quo, denn alles, was aus dieser Mitte ragt, wird vom Schnitter erwischt. Die neuen, in jeder Hinsicht effizienten Menschenverwahrungsboxen sind Ausdruck einer an Verachtung grenzenden Lieblosigkeit. Was gibt es für ein Land praktischeres als saubere, gut verstaute, mittelmäßige Menschen, die Angst vor dem Verlust ihrer Fußbodenheizung haben, und keine Vision davon, was Schönheit sein könnte…“

Harte Worte sind das! Vielleicht zu hart?

Sie machen jedenfalls deutlich, woran es heute in der Stadtplanung fehlt: Für die Menschen lebenswert zu planen und zu bauen, mit Sinn für die Schönheit in den Städten. Jeder möchte gerne in einem Altbau wohnen oder in kleinen, individuellen (Reihen-)Häusern mit einem Dach und etwas Garten und Grün drum herum. Doch Architekten meinen heute, nur graue oder weiße Schuhschachteln entwerfen zu müssen – was den Bauträgern entgegen kommt, da dies einfach und billig ist, aber gewinnbringend teuer verkauft werden kann.

Siehe: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/wohnen-moderne-wohnarchitektur-macht-auch-nicht-gluecklich-a-1225083.html#ref=rss

Sibylle Berg (geboren 1962 in Weimar) ist eine bekannte deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie schrieb bereits zahlreiche Romane, Essays, Kurzprosa, Theaterstücke, Reisereportagen, Künstlerporträts, Glossen und Hörspiele und ist auch als Kolumnistin tätig. Sie gehört zu den Unterstützern der Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union und hat einen Lehrauftrag an der Zürcher Hochschule der Künste. Siehe auch: https://www.sibylleberg.com/de/es

Moderne Architektur, die nicht gut tut

Monotone, monströse Neubau-Luxuswohnungen in Herdern, die teilweise von russischen Oligarchen als Geldanlage erworben wurden und die meiste Zeit leer stehen.

“Gebaute Umwelt beeinflusst die Stimmung. Nicht immer zum Besseren, wenn es sich dabei um moderne Architektur handelt. Psychologen können diese Effekte messen und belegen. Architekten interessiert das anscheinend nicht. Der Weg hin zu einer menschenzentrierten Baukunst ist noch weit.” So ist es in der “Immobilien-Zeitung, der Fachzeitschrift für die Immobilienwirtschaft”, unter der Überschrift “Diese Architektur tut nicht gut” nachzulesen. Was viele von uns schon lange wissen, wurde mittlerweile in einer Vielzahl von wissenschaftlichen, psychologischen Studien untersucht und nachgewiesen.

Die Ergebnisse der Untersuchen sind eindeutig: “Das Unbehagen beim Betrachten der Fassaden von neuen Wohngebäuden ist deutlich höher als bei Häusern, die vor 100 Jahren gebaut wurden” schreibt beispielsweise Arnold Wilkins von der Universität Essex. Wilkins erklärt solche Ergebnisse mit der menschlichen Informationsverarbeitung. “Über Jahrzehntausende hinweg hat sich das Gehirn weiterentwickelt, indem es Reize aus der natürlichen Umwelt verarbeitete. Die Muster des Großstadtdschungels sind für das Hirn viel schwieriger zu verdauen, da sie sehr viel repetitiver sind.”

Ideologien spielen neben wirtschaftlichen Zwängen ebenfalls eine Rolle. “Seit dem Beginn der Moderne wird die Ablesbarkeit der inneren Funktion eines Gebäudes an der Außenfassade an vielen Architekturfakultäten hochgehalten”, erklärt Riklef Rambow, der das Fachgebiet Architekturkommunikation am Karlsruher Institut für Technologie leitet undin Berlin das Psyplan Institut für Architektur- und Umweltpsychologie betreibt. Die Architektenzunft hege leider eine gewisse Abneigung gegen “Verhübschungsmaßnahmen”.

Siehe: https://www.immobilien-zeitung.de/147523/architektur-tut-nicht-gut

Monotone Strukturen seien aber oft auch das Ergebnis städtebaulicher Vorgaben. Als Beispiel für eine erstebenswerte Vielfalt in der Architektur, wird von den Experten immer wieder die neue Frankfurter Altstadt genannt. Sie würde das bieten, was die Bürger schön finden, die in den Städten leben müssen – oft im Gegensatz zu Architekten und Stadtplanern.

“Monotonie schafft ein beengendes Gefühl”, sagt auch der Vorstandschef des Iwap (Institut für Wohn- und Architektur-Ppsychologie), Harald Deinsberger. Er hat sich der “menschlichen Qualität” gebauter Räume verschrieben. Empirisch gut belegt ist die Tatsache, dass hohe, monotone Fassaden Menschen eher stressen als kleinteilige und nicht ganz so hohe. Trotzdem werden auch in diesem Jahrhundert monströse Wohnriegel wie in der Frankfurter Europa-Allee hochgezogen und teuer verkauft. Auf die Frage, wie sich das erklärt, meint Deinsberger im Interview: “Die ästhetische Intention der von Ihnen genannten Gebäude ist sichtlich eine der Repräsentation. Das hat natürlich herzlich wenig mit menschlichen Wohnbedürfnissen zu tun.”

Siehe dazu: https://www.immobilien-zeitung.de/147531/monotonie-schafft-beengendes-gefuehl

 

Schluss mit “brutalistischer Architektur”

Ein Monstrum in Beton für Investoren aus aller Welt: Die Westarkaden
Ein Monstrum in Beton für Investoren aus aller Welt: Die Westarkaden

Ein Blick ins Ausland zeigt, wie man heute den Umgang mit moderner Architektur auch betreiben kann: So erklärt Großbritanniens Regierung der “brutalistischen Architektur” den ‘Krieg’. Der britische Transport-Minister John Hayes erklärte jedenfalls in einer Rede, dass die britische Regierung in Zukunft Vorreiter der Wiedergeburt der klassischen Architektur sein wolle.

“Die überwältigende Mehrzahl der Bauten, die während meiner Lebenszeit erbaut wurden, sind ästhetisch wertlos, schlicht weil sie hässlich sind” Weiterlesen

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