Rede zum Klimawandel in Freiburg

Zum Thema „Anpassung (Adaption) an die Folgen des Klimawandels im Stadtkreis Freiburg“ hat unser Stadtrat Karl-Heinz Krawczyk in der Gemeinderatssitzung am 10.07.2018 unter Top 5 folgende ausgezeichnete und viel beachtete Rede gehalten, die wir als Lekt├╝re sehr empfehlen m├Âchten:

Sehr geehrter Herr Oberb├╝rgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren,

der Klimawandel ist in aller Munde und kann auch nicht mehr verleugnet werden. Selbst wenn man nicht besonders oft Nachrichten sieht, kann man feststellen, dass Unwetter zunehmen. Das hat lokale Auswirkungen auf die Umwelt, denen wir uns nicht verschlie├čen d├╝rfen und k├Ânnen. Die Vorlage der Verwaltung ist der richtige Weg, den wir von FL/FF auch unterst├╝tzen werden. Nachdem meine Vorredner recht pauschal zum Klimawandel gesprochen haben und offenbar auch keine konkreten Konzepte vorlegen k├Ânnen, m├Âchte ich doch etwas ausf├╝hrlicher zum Thema sprechen.

Stadtrat Karl-Heinz Krawczyk (FL)

In Deutschland, insbesondere aber auch in Freiburg, gibt es immer noch zu viele Alibibegr├╝nungen, bei denen die Optik das einzige Argument f├╝r die Ausf├╝hrung ist. Klimawandel, Stadt├Âkologie und Biodiversit├Ąt sind die Schlagworte, aus denen Argumente und Fakten f├╝r die Begr├╝nung von D├Ąchern und Fassaden abgeleitet werden k├Ânnen. Die Optik darf nur der Zusatznutzen einer Begr├╝nung sein. Die Dachbegr├╝nung 4.0 vom Biodiversit├Ątsdach ├╝ber Klimagr├╝n- und Solardach bis Urban Farming ist in Freiburg noch nicht angekommen. Wir brauchen Dachbiotope mit Totholz und Sandb├Ąnken als Heimat f├╝r allerlei Insekten. Neueste Wasserspeichertechniken halten gro├če Mengen Wasser auf dem Dach zur├╝ck und k├Ânnen so auch f├╝r die K├╝hlung eines Geb├Ąudes verwendet werden. Jeder Liter Wasser, der nicht in einer Kl├Ąranlage ankommt, hilft dieser besser zu funktionieren. Insofern lohnt ein genauer Blick auf die Retention und Verdunstungsleistung einer Begr├╝nung. Solaranlagen und Dachbegr├╝nungen schlie├čen sich ├╝brigens nicht aus. Im Gegenteil. Der k├╝hlende Effekt einer Dachbegr├╝nung senkt die Temperatur der Solarzelle, was dazu f├╝hrt, dass sie mehr Energie erzeugt.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, und ich schaue jetzt mal besonders in Richtung gr├╝ne Fraktion und B├╝rgermeisterbank, eigentlich aber auch zur Mehrheit dieses GemeinderatesÔÇŽ

wenn Sie schon unbedingt Schreberg├Ąrten und Gr├╝nfl├Ąchen f├╝r Geb├Ąude platt machen, dann sorgen Sie gef├Ąlligst daf├╝r, dass diese oben auf dem Geb├Ąude wiederhergestellt werden. Wie unsinnig ist es eigentlich, wenn man ├Âkologisch wichtige Gr├╝n- und Kaltluftfl├Ąchen vernichtet, Steinw├╝sten in die Innenst├Ądte baut, B├Ąume und Landwirtschaft platt macht und dann feststellt, dass man Probleme bei der Biodiversit├Ąt und dem Klimaschutz hat?┬á├ľkopunkte und Ausgleichsfl├Ąchen, die weit weg sind, taugen auch nur, um das pers├Ânliche Gewissen zu beruhigen oder Subventionen an fraglich Bed├╝rftige zu verteilen.┬áWer Stra├čen s├Ąt, wird Verkehr ernten, ein Zitat, das unser Kollege David Vaulont zuletzt in diesem Kreis erw├Ąhnt hat, stimmt. Es wird aber auch immer mehr Menschen in eine Stadt bringen. Das gilt f├╝r neue Baugebiete ├╝brigens auch. Dabei stellt sich dann die Frage, ob die vorhandene Infrastruktur einer Stadt ├╝berhaupt geeignet ist, dies kapazitiv aufzunehmen. Wie naiv ist man eigentlich, wenn man glaubt, stark zunehmenden Verkehr alleine durch Verkehrsregelung und Verbote in den Griff zu bekommen? Und dass der Verkehr sich dramatisch reduziert oder durch Elektromobilit├Ąt kurzfristig in den Griff zu bekommen ist, wird doch wohl auch niemand ernsthaft glauben und werden auch die wenigsten von uns erleben. Wie absurd erscheint da die Diskussion um Tempo 30 in ganz Freiburg? Mal abgesehen davon, dass wir dem als Fraktion noch lange nicht zugestimmt haben.

Ich selbst w├Ąre schon recht froh, wenn man mindestens Tempo 30 durchg├Ąngig in Freiburg fahren k├Ânnte. Tats├Ąchlich geht es oft nur in Schrittgeschwindigkeit in einer Blechlawine, die ebenfalls nicht unwesentlich zur Feinstaubbelastung und zur Erw├Ąrmung beitragen d├╝rfte.

┬áBez├╝glich des Klimawandels hat unsere Fraktion konkrete Vorschl├Ąge:

  • ├ľkologisch wichtige Gr├╝nfl├Ąchen m├╝ssen erhalten bleiben. Alternativen sind zu pr├╝fen und es muss sich auch die notwendige Zeit daf├╝r genommen werden. Was sind jetzt ein paar Jahre sorgf├Ąltige Pr├╝fung und nachhaltige Entwicklung im Vergleich zu den m├Âglichen negativen Auswirkungen auf viele nachfolgende Generationen. B├╝rgerinnen und B├╝rger sind noch mehr zu beteiligen und Moderationsverfahren d├╝rfen keine Alibiveranstaltungen sein.

  • Landwirtschaft unterst├╝tzen, f├Ârdern und nicht durch Enteignung und Verbote bestrafen und in ihrer Existenz gef├Ąhrden.

  • Den F├╝nf-Finger-Plan wiederaufnehmen, weiterentwickeln und f├╝r K├╝hl- und Ausgleichsfl├Ąchen sorgen und diese auch erhalten. Es kann nicht sein, dass sich die Stadt Freiburg immer mehr erw├Ąrmt, nur, weil der Baub├╝rgermeister auf einem Kamel der Investoren durch die Betonw├╝sten reitet.

  • Eine Expertenkommission f├╝r Dach-, Fassadenbegr├╝nungen und Solaranlagen im Bauamt einrichten, bestehend aus Stadtplanern, Rechtsamt, sachverst├Ąndigen Handwerkern und Vertretern der Industrie.

  • Alle bestehenden D├Ącher, insbesondere die der Stadt Freiburg, pr├╝fen und hinsichtlich Dachbegr├╝nung 4.0 verbessern. Bei neuen D├Ąchern d├╝rfen die Kosten nicht der Ausschlussgrund f├╝r eine Dachbegr├╝nung und/oder Solaranlagen sein.

  • Last but not least fordern wir, und das ist insbesondere f├╝r private Hauseigent├╝mer ein wichtiger Anreiz, ein F├Ârderprogramm ÔÇ×lebenswert Begr├╝nenÔÇť zu schaffen.
Gr├╝nfl├Ąchen an H├Ąuserfassaden (Foto: Conrad Amber)

Meine sehr geehrten Damen und Herren, es ist sch├Ân, dass sich die Mitglieder dieses Gemeinderates in Anbetracht der letzten OB-Wahl und kommenden Kommunalwahl wieder auf Ihren gr├╝nen Daumen zur├╝ck besinnen.

Das ist auch gut so. R├╝ckblickend betrachtet, hatten wir in den letzten Jahren eher eine Politik des ungebremsten Wachstums und ein mangelndes Interesse an Verkehr, Biodiversit├Ąt und Klimaschutz.

Als bestes Beispiel daf├╝r k├Ânnen wir nur immer wieder auf das Flugplatzgel├Ąnde verweisen. Besseren Wissens wird hier hochwertiger Naturraum und ein Kaltluftsee, der sich ├Ąu├čerst positiv auf die Klimaerw├Ąrmung auswirkt, platt gemacht. Wie verbohrt muss man eigentlich sein, dies alles in Kauf zu nehmen, nur um den Freiburger Flugplatz langfristig zu schlie├čen?

Das wirklich Traurige daran ist, dass dies in all den Jahren auch noch von Mehrheiten im Freiburger Gemeinderat und der B├╝rgermeisterbank unterst├╝tzt wurde. Wo sind die ganzen Synergieeffekte geblieben? Die Spiegell├Âsung ist schwieriger und dauert vielleicht etwas l├Ąnger, bietet aber erhebliche Vorteile beim L├Ąrmschutz, dem Klimaschutz, der Erhaltung wichtiger Ausgleichsfl├Ąchen und der Flugsicherheit. Zu Beginn des Verfahrens waren dies alles eigentlich mal KO-Kriterien.

Herr Mauch von der Badischen Zeitung hat es im letzten M├╝nstereck als Politshow bezeichnet. Ich m├Âchte es gerne anders ausdr├╝cken: Wenn Sie morgens am Flugplatz stehen und der Wind so ganz leise ├╝ber den Kaltluftsee Richtung Freiburger Innenstadt streicht, k├Ânnen sie h├Âren, wie die B├╝rgerinnen und B├╝rger ver├Ąppelt werden.

Vielen Dank f├╝r Ihre Aufmerksamkeit.

Der „F├╝nf-Finger-Plan“ zum Stadt-Klima bzw. zur -Durchl├╝ftung! Dieser, von der Verwaltung selbst aufgestellte und publizierte Plan, wird durch Neubauten (so z. B. auch durch die Stadion-Planung) immer wieder missachtet, ausgehebelt und durchkreuzt.