Leben in Landwasser

Podiumsdishussion in Landwasser mit Gerlinde Schrempp (ganz rechts); Foto: M. Managò

Am 8. M√§rz 2018 fand – organisiert von der Badischen Zeitung in der Reihe „BZ hautnah“ – in Landwasser eine Podiumsdiskussion statt, in der es um das Leben in diesem Stadteil ging. Unter der Moderation von BZ-Redakteur Joachim R√∂derer diskutieren Freiburgs Oberb√ľrgermeister Dieter Salomon, Dieter Dormeier vom B√ľrgerverein Landwasser, der Sch√ľler Ibrahim El-Khalil, die Polizeihauptkommissare Michael Reichenbach und Spencer Diringer, Stephan Schoeller von der Fa. Unm√ľssig sowie Gerlinde Schrempp, Stadtr√§tin von Freiburg Lebenswert und seit vielen Jahrzehnten Bewohnerin im Stadtteil Landwasser.

Gerlinde Schrempp kennt die Situation vor Ort besonders und hat alle relevanten Aspekte angesprochen und ist auf die Anliegen aller Beteiligten in besonderer Weise eingegangen, wof√ľr die anderen Redner auf der B√ľhne ihr dankbar waren. Hier deshalb Ihre Ausf√ľhrungen, die sie zwar nicht w√∂rtlich so gehalten hat, da sie auch frei gesprochen hat, die aber dennoch vorgetragenen Aspekte, die Landwasser betreffen, enthalten:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitb√ľrgerinnen und Mitb√ľrger, sehr geehrter Herr Oberb√ľrgermeister,

Danke zuerst der BZ, dass ich hier¬† die Situation in meinem Stadtteil ‚Äď insgesamt bin ich √ľber 25 Jahre hier ‚Äď sprechen darf.

Ich fange mit dem Positiven an. Der Stadtteil ist sch√∂n, er hat alles, was ein tolles Naherholungsgebiet ausmacht, einen Badesee, Wald, Sportfl√§chen, Spazierwege am und im Wald, einen hervorragenden √ĖPNV-Anschluss. Wenn man nicht gerade an der Els√§sser Str. wohnt, ist es sehr ruhig. Wir haben tolle Spielpl√§tze, auch Bolzpl√§tze, die p√§dagogische Schulsituation ist gut, bei den Aufnahmekapazit√§ten in den Kinderg√§rten gibt es wohl noch Probleme, wir haben gute Angebote f√ľr √§ltere Menschen (AWO, Pflegeheime, Diakoniekrankenhaus, Praxisklinik, √Ąrzte).

Stadträtin Gerlinde Schrempp (FL)

Ich bin Ende 70er Anfang 80er zum ersten Mal nach Landwasser gezogen ‚Äď in ein Hochhaus ‚Äď und es war wunderbar. Tolle Wohnung, super ¬†Hausgemeinschaft, ¬†der Stadtteil hatte ein funktionierendes EKZ mit sehr guter Versorgung, Metzger, B√§cker, Haushaltswarengesch√§ft, Schuhladen, Modeboutique, Drogerie, Optiker, drei Banken, Post, usw. Dann habe ich famili√§r bedingt einen 12 j√§hrigen Ausflug nach Hochdorf gemacht und kam ca. 2002 wieder zur√ľck nach Landwasser, sicherlich waren daf√ľr auch meine guten Erinnerungen an den Stadtteil ausschlaggebend.

So und jetzt komme ich zu den Problemen. Das EKZ ist ein marodes Bauwerk, die Versorgung der Menschen hier ist nicht mehr gew√§hrleistet, alles was ich oben genannt habe, gibt es nicht mehr. Die wunderbar ruhigen teilweise autofreien Bereiche sind inzwischen durch hohe Hecken, 2-3 m, viele nicht einsehbare Nischen, zu gef√ľhlten unsicheren Bereichen¬† geworden. Zahlreiche gelungene Einbr√ľche, viele Einbruchsversuche (bei mir in einem Vierteljahr zweimal) sorgen ebenfalls nicht gerade f√ľr eine Wohlf√ľhlatmosph√§re. Die anwesenden Polizisten werden mir mit¬† statistischen Erhebungen wahrscheinlich widersprechen, aber das Sicherheitsgef√ľhl der B√ľrger kann man nicht per Statistik wiederherstellen.

Weiteres Beispiel: Das Zentrum ist nachts zu einem schwierigen Ort geworden, laute Musik bis in die fr√ľhen Morgenstunden, auf dem Schulhofparkplatz findet sich morgens jede Menge M√ľll, und der stammt nicht von Lehrern oder Sch√ľlern, nicht selten h√∂rt man nachts Knaller, aber auch Sch√ľsse, man kann in Landwasser L√§rm zwar schlecht lokalisieren, aber sie sind eindeutig dem Zentrum zuzuordnen. (Zeuge daf√ľr ist Dom-Pfarrer Gaber !)¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† ¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†

Der Heimweg nachts von der Haltestelle Moosgrund zu den H√§usern oder von der Endhaltestelle in die Wirthstra√üe oder auch in den Bussard- oder Habichtweg ist dunkel, die Hauseing√§nge oft nicht einsehbar, weit weg von der Stra√üe, weshalb √ľbrigens auch das Nachttaxi nicht die L√∂sung bringen kann. Das alles tr√§gt zu dem gef√ľhlten oder auch tats√§chlichen Unsicherheitsgef√ľhl bei, das viele B√ľrger im Stadtteil empfinden.¬†

Ich gehe jetzt zuerst auf die Bev√∂lkerungsstruktur ein: Hier leben sehr viele √§ltere oder sehr alte Menschen, Fu√üg√§nger sind deshalb zumindest abends selten. Es fehlt an einer guten Durchmischung. Wir haben in Landwasser einen Anteil von Leistungsempf√§ngern, das muss nicht Hartz-IV sein, ¬†der ungef√§hr 77% √ľber dem st√§dtischen Mittel liegt (Stadtbezirksatlas). Nat√ľrlich hat eine Stadtverwaltung ¬†nur begrenzt M√∂glichkeiten, die Bev√∂lkerungsstruktur zu steuern. Es ist nicht gut, dass man auf den Stra√üen oder im EKZ sehr oft nur russisch oder arabische Sprachen h√∂rt. Ich m√∂chte nicht falsch verstanden werden: Zweisprachigkeit ist ein Geschenk, aber wenn mein Lebensmittelpunkt dauerhaft hier ist, dann sollte auch im Interesse der Kinder die deutsche Sprache Priorit√§t haben. Deshalb bedaure ich sehr, dass das Integrationsbestreben vieler Mitb√ľrger mit Migrationshintergrund sehr wenig ausgepr√§gt ist. Das gipfelte vor einiger Zeit darin, dass in einem der Pflegeheime gefordert wurde, nur noch russisch sprechende Bewohner und ebensolches Personal einzustellen. F√ľr eine solche Forderung fehlt mir jegliches Verst√§ndnis. Eine M√∂glichkeit besteht aber darin, bei Neubauten darauf zu achten, welches Wohnungsangebot erg√§nzend hinzu kommt. Deshalb verspreche ich mir auch sehr viel vom neuen EKZ. Stichworte dazu sind auch Barrierefreiheit, altersgerechte Wohnungen

Dann nenne ich als zweites Problem die Baustruktur. Was in den 60ern 70ern bis zu den 80ern gut war, ist heute schwierig. Die Dunkelwege sind ein Problem, da k√∂nnte man Abhilfe schaffen, mehr Licht, Heckenh√∂he begrenzen. Mit dem geplanten neuen EKZ verspreche ich mir auch wieder eine Belebung des Zentrums, eben dadurch, dass hier neue Wohnungen entstehen, mehr Gastronomie, Gesch√§fte usw. die Menschen anziehen.Zum schlechten baulichen Zustand der Schulen √§u√üere ich mich hier nicht, das √ľberlasse ich gerne Herrn El Khalil, ich erinnere aber an das Schreiben aller drei Schulleitungen vom 01.06.2017 an Sie, Herr Oberb√ľrgermeister.

Dann das Grundwasserproblem, das seit 15 Jahren existiert. Da l√§sst die Stadt die betroffenen Menschen alleine. Obwohl viele der betroffenen B√ľrger sehr viel Geld f√ľr die Innenabdichtung ausgegeben haben ‚Äď 50-80.000 ‚ā¨ – ist das Problem nicht beseitigt. Da alles hat zu einem gewaltigen Imageschaden f√ľr Landwasser gef√ľhrt. Ich spreche hier von einem gro√üen Immobilienwertverlust f√ľr die H√§user, ich beziehe mich auf einen Bericht der BZ, der auf Zahlen aus dem St√§dt. Immobilienbericht beruht. Landwasser erzielt den niedrigsten durchschnittlichen Kaufpreis pro Quadratmeter in Freiburg. Das ist sowohl auf die Baustruktur, aber auch durch die Bev√∂lkerungsstruktur zu erkl√§ren.

Feuchte Wände und Wasser im Keller des Ehepaares Schempp in Landwasser (Foto: M. Schempp)

Was brauchen wir hier? Wir brauchen einen gut funktionierenden Sicherheitsdienst, aber wir brauchen auch mehr Polizei vor Ort. (OB !) Das hat in der Innenstadt, auch in besonders betroffenen Stadtteilen geholfen, das w√ľrde auch hier helfen. Wir brauchen eine Begehung, die sich mit der Beleuchtungssituation befasst, wir brauchen das GuT, das sich mit den Dunkelwegen, Hecken usw. befasst. Und wir brauchen Menschen, die Landwasser, Freiburg als ihren Lebensmittelpunkt, als Heimat sehen, dessen Sprache und dessen Regeln f√ľr sie selbstverst√§ndlich sind.

Dann kann Landwasser wieder das werden, was es einmal war, ein sch√∂ner Stadtteil, in dem die Menschen gerne leben und sich vor allem sicher f√ľhlen, auch nachts.

Hier der Bericht in der Badischen Zeitung (BZ) zu der Veranstaltung:
http://www.badische-zeitung.de/freiburg/bz-hautnah-wie-lebt-es-sich-in-landwasser