1

Rede zur Klimazukunft Baden-Württemberg

Zur Klimazukunft Baden-Württemberg (Drucksache G-21/159) hat Stadtrat Dr. Wolf-Dieter Winkler (FL) am 5. Oktober 2021 im Freiburger Gemeinderat folgende Rede gehalten:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren!

1982, ich war damals der erste Diplomand in dem gerade neu gegründeten  Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE), habe ich in einem Vortrag des damaligen Leiters des ISE, Professor Adolf Götzberger, zum ersten Mal davon gehört, dass die Zunahme des CO2 in der Atmosphäre sehr kritisch werden wird für das weltweite Klima. Das war also vor fast vierzig Jahren! Spätestens seit dieser Zeit hätten auch Politiker aller Couleur sich über die zunehmende Problematik dieses Gases schlau machen und gegensteuern können. Passiert ist aber praktisch – nichts! Und das, obwohl alle bisherigen Negativ-Prognosen bezüglich Abschmelzen der Pole und Gletscher, der Starkregen und Dürren, des Auftauens der Permafrostböden sogar noch übertroffen wurden. Das zeigt ja nun auch sehr deutlich die alarmierende Studie der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) zur „Klimazukunft Baden-Württemberg“.

Eine grundlegende Forderung von Wissenschaftlern, die sich mit dem Klima befassen, ist, dass wir die CO2-Speicherfähigkeit natürlicher Böden nicht weiter durch Versiegelung zerstören dürfen. Wir müssen im Gegenteil alles tun, um mit Hilfe der Böden CO2 aus der Atmosphäre zu binden. Leider ist diese Binsenweisheit bis heute auch bei den meisten von Ihnen noch nicht angekommen. Es geht jetzt erstmal nur zweitrangig darum, uns an den Klimawandel anzupassen, wie es in dieser Vorlage hier vorrangig thematisiert ist. Entscheidend ist zunächst den Klimawandel, soweit es geht, auf- und das 1,5°K-Ziel einzuhalten. Wenn wir das nicht schaffen, dann wird das Klima uns kaltlächelnd zeigen, dass die Menschheit ihm gegenüber nur zweiter Sieger sein wird. Soviel Klimaanpassung, dass wir den Klimawandel bei einem „Weiterso“, wie auch hier in Freiburg praktiziert, halbwegs schadlos überstehen, ist völlig illusorisch!

Da diesbezügliche Warnungen aber bei Ihnen auf taube Ohren stoßen und Sie weiter bauen wollen, ohne Rücksicht auf kommende Generationen, mahne ich Sie dringend, wenigstens die gröbsten Klimasünden zu vermeiden. Da sollte zum einen darauf verzichtet werden, Teile des Dietenbachwaldes abzuholzen. Und es sollten die Energiekonzepte von Dietenbach, Kleinescholz, Metzgergrün usw. dringend auf den heutigen Stand der Technik gebracht werden. Das, was dort bisher mit einer Dinosaurier-Energiezentrale und warmen Nahwärmenetzen vorgesehen ist, ist bei gut gedämmten Häusern Technik von vorgestern. Hier waren Verfahrenstechniker am Werk, denen es offensichtlich an thermodynamischen Kenntnissen mangelt. Von den Siegern des städtebaulichen Wettbewerbs Dietenbach wurden doch die richtigen Vorschläge zu modular aufgebauten kalten Nahwärmenetzen gemacht, angepasst an den Baufortschritt des Stadtteils und offen für vielleicht noch bessere zukünftige Energiegewinnungs-Techniken. Sie legen auch mehr den Fokus – zusätzlich zu  Wärme im Winter – auf Kühlung im Sommer, was nur mit einem kalten Nahwärmenetz funktioniert, wenn man den Betrieb stromfressender Klimaanlagen in heißen Sommern vermeiden will. Wieso werden diese Vorschläge der Entwurfssieger nicht umgesetzt? Vorschläge, die übrigens auch bei der Veranstaltung des Architekten Forum Freiburg und der Architektenkammer Baden-Württemberg von Matthias Gütschow aus Tübingen (am Donnerstag, dem 30.9.2021) aus Baugebieten anderer Städte vorgestellt wurden.

Meine Damen und Herren, nochmals zusammengefasst: Eigentlich müssten wir wegen des Klimawandels sofort aufhören auf der Grünen Wiese zu bauen. Da Sie davon nicht zu überzeugen sind, lassen Sie uns wenigstens den Dietenbachwald komplett erhalten und wirklich zukunftsfähige Energiekonzepte umsetzen.




Nun aber los!

Deutschland hat gewählt, die Koalitionsverhandlungen sind in vollem Gange. Wer immer am Ende die Regierung bildet sieht sich einer Herkulesaufgabe gegenüber, die keinen Aufschub mehr duldet: Der Kampf gegen den menschengemachten Klimawandel. Diplomatie, Zögern und Kompromisse, fast immer zugunsten der Wirtschaft, waren bisher ständige Begleiter einer halbherzigen bis hin zu vollkommen lustlosen Klimapolitik. Die verlorenen Jahre sind nicht wiedergutzumachen. Angela Merkel hinterlässt der Nachfolgeregierung eine riesige Bürde.

Sicher, Kompromisse werden auch in der neuen Regierung Teil des politischen Alltags sein. Dies darf jedoch in Zukunft nicht weiter dazu führen, dass man sich irgendwo in der Mitte zwischen (fast) keinem Klimaschutz und wenig Klimaschutz findet. Solche Kompromisse hat es leider in der Vergangenheit zuhauf gegeben mit dem Ergebnis, dass die Welt nun dem Abgrund entgegensieht. Möglicherweise ist die neue Regierung die letzte, die das Schlimmste überhaupt noch verhindern kann.

Bauen ist klimaschädlich, was von der Politik gerne unter den Teppich gekehrt wird (Foto: K. U. Müller).

Um die Mammutaufgabe zu stemmen, eine Industrienation wie Deutschland bis 2045 klimaneutral zu machen, müsste endlich der Bevölkerung gegenüber klar kommuniziert werden, dass Klimaschutz nicht zum Nulltarif und nicht ohne Änderung eines gewohnten Lebensstils zu erreichen ist. Am Ende ist dies allerdings immer noch billiger und angenehmer als nichts zu tun. Auch die Politik muss sich neu erfinden: Sämtliche Maßnahmen müssen in Zukunft den Klimaschutz im Blick haben. Die bisherige Praxis, hier ein Schräubchen zugunsten des Klimas zu drehen, an anderen Stellen aber die Schleusen zu dessen Lasten zu öffnen, muss der Vergangenheit angehören. So ist es einigermaßen bizarr, dass im Verkehrssektor die Emissionen trotz weit verbesserter Technik gestiegen sind. Nicht weniger bizarr ist, dass es im Bausektor nach Ansicht vieler Politiker keine Änderungen geben soll und die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum weiterhin mit dem altunbewährten Mittel des Bauens auf Teufel komm raus erzielt werden soll. Dabei müsste doch längst bekannt sein, dass Bauen extrem klimaschädlich ist: Allein bei der Zementherstellung, weltweit sind es gut vier Milliarden Tonnen im Jahr, entsteht viel Kohlendioxid: 2,8 Milliarden Tonnen, rund acht Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Von den weiteren Emissionen, dem gigantischen Flächenverbrauch und den Auswirkungen auf das Artensterben gar nicht erst zu reden.

Neubaugebiet Hornbühl-Ost (Foto: K. U. Müller).

Auch Freiburg wird sich nicht länger aus dieser Verantwortung stehlen können. Der Verkehr macht 20 % der CO2-Emissionen in Freiburg aus und ist „das Sorgenkind der Klimaschutzpolitik“, so Baubürgermeister Martin Haag. Leider ist der Einfluss begrenzt. Ohne Anstrengungen auf Bundesebene wird eine Verkehrswende nicht zu schaffen sein. Anders hingegen im Bausektor. Das Potenzial zur Einsparung von CO2 wird von der Stadt nicht erwähnt. Aus gutem Grund, stehen doch die geplanten Baugebiete wie Dietenbach, wo ganz nebenbei im Überschwemmungsgebiet gebaut werden soll, Obergrün, Kleineschholz, Metzgergrün oder die Zähringer Höhe, wo wertvoller Naturraum zerstört wird, um nur ein paar Beispiele zu nennen, diesen Herausforderungen diametral entgegen.

Nicht nur die neue Bundesregierung ist in der Pflicht. „Global denken, lokal handeln“ ist einer der Leitsprüche von Freiburg Lebenswert. Die Stadt sollte sich diesen Spruch ebenfalls zu eigen machen.

An Lippenbekenntnissen fehlt es nicht, an der Umsetzung hat es bisher stets gehapert. Für die neue Regierung, wie auch für Freiburg gilt: Nun aber los!

Das Langmattenwäldchen. Hier sollen für den neuen Stadtteil Dietenbach ca. 4 Hektar Wald abgeholzt werden (Foto: K. U. Müller).

Siehe auch: https://www.badische-zeitung.de/der-verkehr-verhagelt-freiburg-die-co2-bilanz–print




Klimaneutralität nicht ohne Schutz des Überschwemmungsgebiets Dietenbach

Schreckliche Nachrichten erreichten uns aus  Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Tief Bernd brachte Starkregenfälle mit verheerenden Folgen: Mehr als 150 Tote, verwüstete Dörfer, Menschen, die ihr gesamtes  Hab und Gut verloren haben. Seit dieser verheerenden Flutkatastrophe im Juli 2021 ist jedoch bei der öffentlichen Debatte zum Thema Klimawandel, Klimaschutz und Erderwärmung ein deutlicher Wandel spürbar. Das ist kaum verwunderlich, denn der Klimawandel  lässt sich im Zusammenhang mit solchen Naturkatastrophen schlichtweg nicht ignorieren. In weiten Teilen der Politik sucht man zwar noch nach Schuldigen und man will  die Effizienz des Katastrophenschutzes verbessern, was zwar für sich genommen kein Fehler ist, aber in der heutigen globalen Klimalage  die Katastrophe selbst nicht verhindert hätte. Allerdings  mehren sich die Stimmen, die ein grundsätzliches Umdenken in unserer noch immer vom Wachstumsmythos geprägten Gesellschaft und Wirtschaft verlangen. Und kaum ein Experte, welcher derzeit nicht auf die zügellose Flächenversiegelung hinweist.

Zügellose Flächenversiegelung muss der Vergangenheit angehören (Foto: K. U. Müller).

So hat auch der Chefredakteur der Badischen Zeitung in einem Leitartikel am 20.07.2021 daran erinnert, dass mit dem Klimawandel das Risiko solcher Katastrophen wächst und er nennt „keine Bauten mehr in gefährdeten Zonen, weniger versiegelte Flächen“ als „zwei von vielen Streitfragen“ (ebenda).

Freiburg Lebenswert begrüßt diesen Wandel, weil echter und wirksamer Naturschutz schon immer ein zentrales  Ziel im politischen Programm war und FL als einzige Gruppierung im Gemeinderat das Bestreben vieler Freiburger Bürger unterstützt hat, das  Überschwemmungsgebiet Dietenbach von Bauten freizuhalten. FL stützt sich bei dieser Haltung auf die Expertise von prominenten Fachleuten wie dem Freiburger Hochwasserschutz-Experten Rolf Baiker (siehe BZ-Berichte, u. a. am 19.02.2019). Baiker fasst die Quintessenz seiner  wissenschaftlichen  Recherchen in die Formel: „Die Aue gehört dem Fluss“.

Freiburg Lebenswert richtet den dringenden Appell an alle Freiburger und insbesondere an die Entscheidungsträger der Freiburger Kommunalpolitik, das Dietenbach-Projekt vor dem Hintergrund der aktuellen Erkenntnisse erneut kritisch zu beleuchten und zugunsten der Sicherheit der Bevölkerung und ihrer Enkelgenerationen  zu begraben.

Hochwasser nach starkem Regen im Überschwemmungsgebiet Dietenbach, der einzigen Flussaue als Wasserabfluss-Schneise mit dem gesamten Einzugsgebiet Schauinsland.

Siehe auch: https://freiburg-lebenswert.de/ueberschwemmungsgebiet-dietenbachgelaende/




Es wird heiß

Klimaschutz müsse prioritär behandelt werden, so Hartmut Fünfgeld vom Institut für Umweltsozialwissenschaften und Geographie an der Universität Freiburg in einer Sitzung des Bad Krozinger Gemeinderats (die BZ berichtete). Für die Kurstadt Bad Krozingen wird ein Anstieg der mittleren Jahrestemperatur um ein Grad auf etwa 12 Grad bis 2050 prognostiziert. Bis Ende des Jahrhunderts soll bei der aktuellen Entwicklung der Mittelwert sogar um vier Grad ansteigen. Auch die Anzahl der Tropennächte über 20 Grad, derzeit sind das maximal fünf Nächte pro Jahr, soll ab 2050 auf 15 bis 20 Nächte ansteigen. Die Auswirkungen auf die Gesundheit und die Folgen für die Natur sind bei dieser Entwicklung beträchtlich. „Der Oberrhein ist Hotspot der Klimafolgen“, so Hartmut Fünfgeld. Neben der Hitze werden nach Prognosen von Klimaforschern auch die Starkregenfälle zunehmen.

In Bad Krozingens Nachbarschaft, in Freiburg,  blieben diese Zeichen nicht unbemerkt. So wurde ein Förderprogramm zur Entsiegelung und Förderung von Fassaden- und Dachbegrünung (GebäudeGrünhoch3) auf den Weg gebracht. Auch stellen Stadtplaner und Umweltschützer im Freiburger Rathaus nun Überlegungen an, wie die von Hitze besonders betroffene Gebiete abgekühlt werden können.  

Mit solchen Backöfen wie dem Platz der Alten Synagoge lassen sich Städte nicht herunterkühlen (Foto: K. U. Müller).

Das ist durchaus lobenswert, doch wäre nicht das Bewahren der bestehenden Biotope, Grünflächen und Bäume um ein Vielfaches wirksamer und auch günstiger? Nicht nur eine Ertüchtigung der Baumschutzsatzung steht an; dringend notwendig ist es auch, dass  die Stadt und die Mehrheit im Gemeinderat  in der Baupolitik endlich umsteuern. Dietenbach, Metzgergrün, Klein-Eschholz, Obergrün, um nur einige der geplanten Baugebiete zu nennen,- überall werden Grünflächen zubetoniert und damit gerade diese wichtigen kühlenden Flächen in Wärmestrahler umgewandelt. Die Notwendigkeit dieser zahlreichen  Neubaugebiete darf angesichts sinkender Bevölkerungszahlen deutschlandweit und auch in Freiburg durchaus angezweifelt werden.

Klimaschutz und Bauen sind untrennbar miteinander verbunden. Man kann nicht das eine wollen und gleichzeitig das andere vorantreiben. Oder wie von Klaus Riexinger in einem Kommentar der BZ vom 01.07.2021 auf den Punkt gebracht: „Eine hohe Flächenversiegelung ist der maximale Widerspruch des natürlichen Zustands.“ Weiter führt er aus: „Vor diesem Hintergrund sollten sich Städte auch gut überlegen, ob Nachverdichtungen das geeignete Mittel zur Lösung der Wohnungsnot sind.“ Recht hat er.

Kleineschholz im Stühlinger: Die Kleingärten werden ebenfalls dem Wohnungsbau geopfert (Foto: K. U. Müller).